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Der Morgen · 1925-06-01 · Heft 2 (Juni 1925) · p. 221

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Journal
Der Morgen
Volume
1 (1925-1926)
Issue
Heft 2 (Juni 1925)
Article
Shylock - Nathan - Judith
Date
1925-06-01
Page
221 (sequence 13)
Language
German
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Shylock — Nathan — Judith Rasse in die allgemein menschliche Entwicklung anzusehen ist — mit Spinoza. Und die Spuren Spinozas sind in den Worten Nathans nicht eben schwer zu finden. Wird doch gleich im Anfang von Nathans großen Begegnung mit Saladin von jenem „wahren Vorteil" gesprochen, den der Mensch suchen müsse, — und damit eines der großen Schlagworte der spinozistischen Ethik angerührt Und an jener allerergreifendsten Stelle, wo Nathan schildert, wie er aus der furchtbaren Verzweiflung, in die ihn der Mord der Seinen stürzte, wieder zur göttlichen Vernunft erwachte, dort, wo es heißt: „Ich stand und rief zu Gott: Ich will! Willst du nur, daß ich will", — auch dort scheint mir, ist der Einfluß des großen jüdischen Philosophen nicht zu verkennen, der die Unfreiheit des Willens lehrte, indem er alles menschliche Wollen zu einem Ausfluß göttlichen Wollens machte. Hat Mendelssohn sozusagen die leibliche Gestalt des jüdischen Geistes dem Lessing vermittelt, seine erhabenste Starke hat der Dichter des Nathan bei dem brillenschleifenden Weisen von Rhynsburg gefanden, der lateinisch schrieb, der von der Synagoge in Feindschaft geschieden war und der doch nur eine neue große Inkarnation jüdischer Religionsleidenschaft in der Atmosphäre seines philosophischen Jahrhunderts darstellt Auf diese Weise ist in Lessings „Nathan dem Weisen" eine neue Stufe erreicht worden im Verhältnis des abendländischen zum jüdischen Menschen. Der Weg, den Shakespeare geöffnet hatte, war nun zu Ende gegangen: wenn die Juden in vollem Sinne Menschen sind, so müssen sie auch am menschlich Guten vollen Anteil haben können, so mußte ein frei und stark und tief fühlender Westeuropäer eines Tages auch die Möglichkeit entdecken, unter bestimmten geistigen Voraussetzungen als Ausdruck für Menschentum höchster und reinster Art eine jüdische Gestalt zu wählen. In Lessings „Nathan der Weise" ist das geschehen. * * * Wenn das unmittelbare Zeugnis dramatischer Menschendarstellung nun also beweist, daß der Europäer den Juden als Menschen, als seinesgleichen, sogar in der höchsten, der religiösen, weltordnenden Sphäre zu erleben vermag, wie kann dann der Weg überhaupt noch weiter gehen? Was bleibt noch zu beweisen übrig? Man wird die Entwicklung hoffentlich nicht auf dem Weg einer plumpen Steigerung suchen. Indem man etwa auf das überhaupt festgestellte und das im Guten ebenbürtige Wesen jüdischer Menschlichkeit ein überlegenes, ein vor allem zu preisendes erwartet Es kann nicht geleugnet werden, 221

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