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Der Morgen · 1925-06-01 · Heft 2 (Juni 1925) · p. 217

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Journal
Der Morgen
Volume
1 (1925-1926)
Issue
Heft 2 (Juni 1925)
Article
Shylock - Nathan - Judith
Date
1925-06-01
Page
217 (sequence 9)
Language
German
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Shylock — Nathan — Judith vom Ausgang des vierten Aktes so erschüttert sein, daß uns alle Kunst Shakespeares nicht mehr in eine reine Lustspielstimmung hinüberretten kann. Oder das ursprünglich gewollte Lustspiel gelangt zu seinem Recht: dann ist die Gestalt des Shylock das Opfer, dann bleiben ihre dichterischen Möglichkeiten unausgeschöpft — Die alte Frage nach der rechten Betrachtungsweise des „Kaufmanns von Venedig" löst sich nunmehr so, wie sich oft genug immer wieder vergeblich aufgeworfene Probleme der Wissenschaft gelöst haben: man erkennt, daß die Fragestellung falsch war. Die Frage lautete ja: wie haben wir uns einzustellen, um im „Kaufmann von Venedig" eine künstlerisch vollkommene, restlose. organische Einheit zu erkennen? Wir erkennen jetzt, daß diese organische Einheit gar ni cht vorhanden ist, daß das geplante Kunstwerk nicht zustande gekommen ist, weil in einer rein lustspielmäßigen Komposition eine Gestalt zu tragischen Dimensionen anwuchs! Die ästhetische Analyse beweist also, daß Shakespeare keineswegs mit der Absicht umging, ein Stück zu schreiben, in dem das menschliche Wesen der Juden ergründet und verteidigt wird; er ging ganz im Gegenteil davon aus, die Tradition zu benutzen, daß Juden keine Menschen sind. Was aber im Verlauf dieser dichterischen Arbeit entstand, ist etwas viel Großartigeres und viel Beweiskräftiges, als es die Durchführung irgend eines tendenziösen Planes sein könnte. Nicht in seinem Bewußtsein, das wie in manchem, so auch in diesem Punkte ganz zeitgebunden war, aber im genialen Teil seines Wesens, in dem alles Lebendige bis auf den Grund packenden Gefühlskraft hat Shakespeare den Juden als einen Menschen entdeckt — einen Menschen, der selbst in seinem Bösesten noch nach allen Motiven zu verstehen und nachzufühlen ist, weil er nicht anders reagiert, nicht aus anderen Impulsen handelt als alle anderen Menschen auch. Weil Shakespeare von dieser Gefühlserkenntnis erst während des Schaffens und entgegen der Anlage seines ganzen Werks überwältigt wurde, ist der „Kaufmann von Venedig" als Lustspiel mißlungen, ist er ein aus lauter herrlichen, aber nicht zusammenstimmenden Teilen gefügtes und also brüchiges Ganze. Aber dies wahrhaft königliche, im tiefsten geniale^ Mißlingen hat das erste große Dokument für die Tatsache gezeitigt, daß der Abendländer dort, wo er rein, wo er mit der Hemmungslosigkeit des Genies fühlt, den Juden durchaus als seinesgleichen, als ein mit ihm aus gleichen Bedingungen wachsendes Wesen empfinden kann und muß. Und damit ist die erste und wichtigste Station zurückgelegt auf dem Wege, der uns Zeugnis geben soll über die innere Beziehung des abendländischen zum jüdischen Menschen. 217

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