Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 1 (1925-1926)
- Issue
- Heft 2 (Juni 1925)
- Article
- Shylock - Nathan - Judith
- Date
- 1925-06-01
- Page
- 216 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Julius Bab sehen Lustspielwirkung geworden sind. Mit der Schwerkraft dieser tiefgründenden Worte rollt die Gestalt des Shylock nun weiter; sie gewinnt die ganze ungeheuerliche Konsequenz von Shakespeares großen Verbrechern, sie kommt uns nahe wie Macbeth oder wie Bichard. Damit aber gewinnt sie ein Eigenleben, das die ihr zugewiesene Rolle in der Lustspielkomposition weit überwächst, das den Rahmen des ganzen Werkes sprengt Ewig wird Rudolf von Ihering Recht behalten, daß die Entscheidung der Porzia: „Fleisch, aber kein Blut", ein übler Kniff, ein grober Scherz bleibt, — vollkommen unwürdig, den Triumph einer höheren Rechtsidee zu spiegeln, — ewig wahr daß Shylock allerdings „um sein Becht betrogen" ist Aber dieser mißliche Eindruck kommt nur dadurch zustande, daß an der Stelle, wo hier Shylock steht, eben der dumme Tölpel des Lustspiels stehen sollte! Für dessen Beseitigung war solch ein Scherz gerade gut genug, und nichts in uns hätte protestiert dagegen, ihn von dem lieblichen Übermut einer Porzia so abgetrumpft zu sehen. Aber jetzt steht ein Mensch da, ein Mann, ein Held der Finsternis, ein furchtbar schicksalhaltiges Wesen — wir haben mit ihm fühlen müssen, wir haben mit Grausen erlebt, wie unausweichlich er auf seine Bahn von innen her gedrängt wird. Ihn von der Stelle zu rücken, niederzuwerfen, ja aus der ganzen Welt dieses Dramas auszulöschen, — dazu kann uns freilich jener Scherz eines verkleideten Mädchens vom Fleisch ohne Blut nicht mehr taugen. Hier entsteht ein unaufhörlicher Miß— klang, und er setzt sich darin fort, daß in jeder überhaupt möglichen Aufführung der Schluß dieses Stückes ein unlösliches Problem bedeutet In keinem anderen; seiner Lustspiele hat Shakespeare im fünften Akt so alle Mittel der erquickenden Heiterkeit, der versöhnenden Schönheit gehäuft wie hier im „Kaufmann von Venedig". Es ist freilich wiederum das für jede seiner Lustspielkompositionen Charakteristische, daß der letzte Akt nur noch eine minimale Funktion für die Handlung hat und ganz wesentlich dem festlichen Arrangement, der Vereinigung aller vorher getrennt spielenden Gruppen, der schön ausklingenden Gesamtstimmung gehört Aber nirgends ist die Schönheit der Landschaft, die verschmelzende Macht der Musik so stark beschworen wie hier. Vielleicht hat Shakespeare so alle Minen seiner Stimmungskunst springen lassen, weil er doch fühlte, wie sehr die eigentliche Lustspielwirkung hier gefährdet war. Aber dennoch, immer wieder wird die Aufführung des „Kaufmanns von Venedig" vor dem gleichen Dilemma stehen: entweder der Shylock wird mit der ganzen tragischen Kraft, die tatsächlich aus den Worten dieser Gestalt geholt werden kann und also muß, dargestellt, — und dann werden wir 216