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Der Morgen · 1925-06-01 · Heft 2 (Juni 1925) · p. 215

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
1 (1925-1926)
Issue
Heft 2 (Juni 1925)
Article
Shylock - Nathan - Judith
Date
1925-06-01
Page
215 (sequence 7)
Language
German
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Shylock — Nathan — Judith Vision eines vollkommen lebendigen, vollkommen nachfühlbaren Menschen riß, nicht mehr nach; immer weiter entfernt sich die Gestaltung des Shylock vom lustspielmäßig Gebotenen: wir sehen, daß er ein Haus und eine Tochter hat, und daß er um sie sorgt Wir erfahren, daß man die Tochter gestohlen, das Haus geplündert hat, und erleben den Ausbruch einer Verzweiflung, die bis zur Sinnesverwirrung geht Und wenn sich dem so aufs äußerste Gereizten nun eine Möglichkeit der Rache bietet, so fallen die Worte, die vielleicht die dichterisch gewaltigsten des ganzen Stückes sind, die aber den ursprünglichen dramatischen Lustspielplan endgültig begraben: Salarino: Nun, ich bin sicher, wenn er verfällt, so wirst du sein Fleisch nicht nehmen: wozu war' es gut? Shylock: Fische mit zu ködern. Sättigt es sonst niemanden, so sättigt es doch meine Rache. Er hat mich beschimpft, mir 'ne halbe Million gehindert; meinen Verlust belacht, meinen Gewinn bespottet, mein Volk geschmäht, meinen Handel gekreuzt, meine Freunde verleitet, meine Feinde gehetzt Und was hat er für Grund? Ich bin ein Jude. Hat nicht ein Jude Augen? Hat nicht ein Jude Hände, Gliedmaßen, Werkzeuge, Sinne, Neigungen, Leidenschaften? Mit derselben Speise genährt, mit denselben Waffen verletzt, denselben Krankheiten unterworfen, mit denselben Mitteln geheilt, gewärmt und gekältet von ebendem Winter und Sommer als ein Christ? Wenn ihr uns stecht, bluten wir nicht? Wenn ihr uns kitzelt, lachen wir nicht? Wenn ihr uns vergiftet, sterben wir nicht? Und wenn ihr uns beleidigt, sollen wir uns nicht rächen? Sind wir euch in allen Dingen ähnlich, so wollen's wir euch auch darin gleichtun. Wenn ein Jude einen Christen beleidigt, was ist seine Demut? Rache. Wenn ein Christ einen Juden beleidigt, was muß seine Geduld sein nach christlichem Vorbild? Nu, Rache. Die Bosheit, die ihr mich lehrt, die will ich ausüben, und es muß schlimm hergehen, oder ich will es meinen Meistern zuvortun. Man kann behaupten, daß im allergründlichsten Sinne des Wortes mit dieser Rede die Judenemanzipation in Europa begonnen hat — der Zusammenbruch der großen mittelalterlichen Tradition, für die nur der „Christenmensch" existierte. Aber eben deshalb kann man behaupten, daß diese Worte, deren aus völliger Einfühlung stammende pathetische Gewalt nur völlige Gefühlstaubheit überhören kann, der endgültige Ruin der Shakespeare- 2t5 H*

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