Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 1 (1925-1926)
- Issue
- Heft 2 (Juni 1925)
- Article
- Shylock - Nathan - Judith
- Date
- 1925-06-01
- Page
- 214 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- article
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Julius Bab das sofort die ursprüngliche Lastspielabsicht gefährdet Da steht die große Rede: Signor Antonio, viel and oftermals Habt Ihr auf dem Rialto mich geschmäht Um meine Gelder und um meine Zinsen; Stets trug ich's mit geduld'gem Achselzucken, Denn Dulden ist das Erbteil unseres Stamms. Ihr scheltet mich ungläubig, einen Bluthund, Und speit auf meinen jüdischen Rockelor, Bloß weil ich nutze, was mein eigen ist Gut denn, nun zeigt es sich, daß Ihr mich braucht Da habt Ihr's; Ihr kommt zu mir, und Ihr sprecht: „Shylock, wir wünschen Gelder". So sprecht Ihr, Der mir den Auswurf auf den Bart geleert Und mich getreten, wie Ihr von der Schwelle Den fremden Hund stoßt; Geld ist Eur Begehren. Wie sollt' ich sprechen nun? Sollt' ich nicht sprechen: „Hat ein Hund Geld? Ist's möglich, daß ein Spitz Dreitausend Dukaten leih'n kann?" oder soll ich Mich bücken und in eines Schuldners Ton, Demütig wispernd, mit verhaltnem Odem, So sprechen: „Schöner Herr, am letzten Mittwoch Spiet Ihr mich an; Ihr tratet mich den Tag; Ein andermal hießt Ihr mich einen Hund; Für diese Höflichkeiten will ich Euch Die und die Gelder leihn." Es scheint mir unmöglich zu überhören, daß schon mit dieser Rede der Stil des Lustspiels verlassen, ja zerstört ist, denn es ist nicht möglich, dies Wortgefüge im Stil des dummen Teufels, des sinnlos und darum letzten Endes harmlos wütenden Unholds zu sprechen. Diese Worte kommen mit furchtbarer Folgerichtigkeit aus einer Menschenseele, die der Dichter in diesem Augenblick als wesensgleich mit allem Menschlichen sonst erkannt hat Sie haben den Aufbau, sie haben die Steigerung der großen tragischen Reden bei Shakespeare, sie spiegeln das Heraufkommen einer mit furchtbarer Notwendigkeit drohenden, unausweichlichen, schicksalhaften Leidenschaft —--Und von diesem Augenblick an läßt der Zwang des Genius, der Shakespeare in diese 214