Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 1 (1925-1926)
- Issue
- Heft 2 (Juni 1925)
- Article
- Shylock - Nathan - Judith
- Date
- 1925-06-01
- Page
- 213 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Shylock — Nathan — Judith wirklich furchteinflößenden Menschen droht, sondern von irgend einem narrischen Unhold, dem wir auch im Bösen keinerlei Erfolg zutrauen. So ist es mit dem Don Juan im „Viel Lärm um nichts", mit dem Malvolio in „Was ihr wollt" usw. Ganz offenbar war der Shylock auch nur als ein dunkler Fleck in dieser Komposition, als ein an sich wesenloses, in seiner fratzenhaften Übertreibung ungefährlich wirkendes schwarzes Scheusal lustspielmäßig angesetzt Das ist umso wahrscheinlicher, als Shakespeare ziemlich sicher keine Juden persönlich näher kannte und in dieser Beziehung also gar keine Veranlassung bisher gehabt hatte, die mittelalterliche Tradition zu durchbrechen. In England gab es zum mindesten offiziell damals keine Juden; obwohl ein getaufter Jude, ein Marane, damals als Arzt am englischen Hof eine Rolle spielte, und durch einen aufsehenerregenden Prozeß (ziemlich sicher unschuldig) zu Tode gebracht worden war. Möglich, daß es diese Sensation war, die den Dichter veranlassen konnte, einen Juden auf die Bühne zu stellen. Aber das schloß noch keinerlei Kenntnis jüdischen Menschentums, keine Beziehung zum jüdischen Problem ein. Möglich ist auch, daß Shakespeare in Italien gewesen ist und in Venedig, wo das Gastwirtsgewerbe fast ganz in jüdischen Händen lag, mit Juden in Berührung gekommen ist Ich möchte das sogar für wahrscheinlich halten, weil ich anders nicht den erstaunlich echten jüdischen Tonfall erklärlich finde, den Shakespeare in den Reden des Shylock getroffen hat Aber auch das würde keine tiefere menschliche Beziehung des Dichters zum Judentum beweisen, geschweige denn die Absicht, die Rolle des Juden in der christlichen Gesellschaft mit tendenziösem Pathos zu behandeln. Das muß für einen Engländer des 16. Jahrhunderts als eine vollkommen unmögliche Idee erscheinen. Vielmehr beweist die ganze Anlage des Lustspiels, daß Shakespeare in seinem Bewußtsein gerade hier noch vollkommen in der mittelalterlichen Auffassung lebte. Sie war ihm hier künstlerisch bequem, denn sie lieferte dem Dichter im Juden einen Nientmenschen, den man als fratzenhaft düsteren und ohne Gefühlsregung zu beseitigenden Unhold in die künstlerische Rechnung einstellen konnte. Aber vom ersten Augenblick an, da Shakespeares geniale Phantasie nun diesen Juden vor sich hinbaut, den Zinsnehmer, von dem ein Mann Geld will, der ihn vorher hundertfach als Juden geschmäht und gekränkt hat, vom ersten Augenblick an mischt sich in Shakespeares Ton ein ernsthaftes Interesse an dieser Gestalt, an der menschlichen Ergründung ihrer Motive — ein Interesse, 213