Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 1 (1925-1926)
- Issue
- Heft 2 (Juni 1925)
- Article
- Shylock - Nathan - Judith
- Date
- 1925-06-01
- Page
- 212 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- article
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Julius Bab von Venedig" alle Teile, die ganze Shylock-Gestalt und ihr Gegenspiel als eine künstlerisch vollkommene, organische Einheit zu erkennen? Suchen wir uns dieser Erkenntnis auf einem Wege zu nähern, der tunlichst jede parteimäßige Voreingenommenheit ausschließt, — auf dem Wege rein ästhetischer, formaler Kritik. — Da kann es nun zunächst überhaupt keinem Zweifel unterliegen, daß der „Kaufmnan von Venedig" gedacht und entwerfen ist als ein reines Lustspiel. Die Komposition entspricht genau der des „Sommernachtstraums", der von „Was ihr wollt" oder „Viel Lärm um nichts". Nirgends ist eine innerlich mächtige Gestalt in die Mitte gestellt, zu der alle Teile der Handlung in Beziehung stehen; wir haben es mit Leuten von liebenswürdigem Mittelschlag zu tun, deren launischen Leichtsinn Shakespeare ohne tiefere Hochachtung, aber mit herzlicher Sympathie, mit woldgefälligem Lächeln darzustellen pflegt Genau wie „Was ihr wollt" beginnt der „Kaufmann von Venedig" mit einer doppelten Kundgebung von „Melancholie in Müßiggang". Erst erklärt Antonio, der Kaufmann, daß ihn aus gänzlich unfaßlichem Grund „Schwermut zum Dummkopf gemacht" habe, und dann behauptet Porzia, „ihre kleine Person sei dieser großen Welt überdrüssig". Nun soll an diesen beiden Launischen, das Schicksal seine Kur vollziehen; Antonio soll durch einen echten Schrecken, Porzia durch ein echtes Gluck von ihrem eitlen Weltschmerz geheilt werden. In vollkommen parallelem Bau, Szene um Szene wechselnd, soll es deshalb bei Antonio immer düsterer, bei Porzia immer heller werden, bis schließlich das Licht der einen das Dunkel des anderen verscheucht. Eine äußere Verknüpfung ist dadurch gegeben, daß der Freund Bassanio, um dessentwillen Antonio die Schulden beim Juden auf sich nahm, zugleich der glückliche Freier dieser Porzia ist Bis zu welchem Grad diese typisch lustspielmäßige Parallelbewegung durchgeführt ist, das erkennt man vielleicht am besten daran, daß unmittelbar vor der Szene, in der Shylock viele Male hintereinander schwört, „Ich will den Schein, nichts gegen meinen Schein", jene andere Szene steht, in der Bassanio die Hand des Fräuleins erringt: er erringt sie, indem er unter drei Kästchen das richtige wählt, das des Fräuleins Bild enthält und dazu einen Zettel, der ihn berechtigt, Porzia nun um den Brautkuß zu bitten. Und da tritt Bassanio mit diesem Zettel vor Porzia hin und spricht: „Ich komme auf Schein zu nehmen und zu geben". — So sehr ist hier im reinsten Lustspielstil der Zusammenklang der dunklen und der hellen Gruppe beabsichtigt Und zweifellos gehört es zur Grundintention dieses wie jedes Shakespeareschen Lustspiels, daß die Gefahr nicht von einem 212