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Der Morgen · 1925-06-01 · Heft 2 (Juni 1925) · p. 211

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Journal
Der Morgen
Volume
1 (1925-1926)
Issue
Heft 2 (Juni 1925)
Article
Shylock - Nathan - Judith
Date
1925-06-01
Page
211 (sequence 3)
Language
German
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Shylock — Nathan — Judith das farbig kontrastierende Nebeneinander lose verknüpfter Gruppen kennt — am ehesten vergleichbar einer Symphonie, die ein Motiv durch viele Instrumente wandern läßt, um im Finale dann den mächtigen Zusammenklang aller Stimmen zu bieten. Es gibt nun ein Shakespearesches Werk, dessen besondere Stellung schon dadurch gekennzeichnet ist, daß man schwanken konnte, ob es dem Heldendrama oder dem Lustspiel zuzuweisen sei Und das eben ist das Drama, in dem Shakespeare mit ganz anderer Konsequenz als Marlowe einen Juden auf die Bühne gebracht hat: den Shylock im „Kaufmann von V e n e d i g". Während Marlowes „Jude von Malta" höchstens noch in vereinzelten gelehrten Abhandlungen oder sehr seltenen Bühnenexperimenten lebt, gehört der „Kaufmann von Venedig" zu den am regelmäßigsten und häufigsten gespielten Stücken wenigstens der englischen und deutschen Bühne, und über seine rechte Auffassung ist schon eine ganze, zum Teil höchst leidenschaftliche Literatur geschrieben worden. Der Streit dreht sich wesentlich um den Shylock, den Juden, der auf Grund des verfallenen Schuldscheins von Antonio, dem Kaufmann von Venedig, ein „Pfund Fleisch zunächst dem Herzen" fordert, und den Porzia, die reiche Erbin, als Richter verkleidet, mit der Entscheidung abfertigt, daß er zwar auf Fleisch, aber auf keinen Tropfen Blut Anspruch habe! — Nun versichert man auf der einen Seite, hier sei ersichtlich ein Lustspiel mit einem rechten Lustspielschluß, Figuren von tragischem Ernst könne und dürfe es hier also nicht geben, und auch der Shylock sei nichts als ein dummer Teufel, dem man so wenig ernstes Mitgefühl zu widmen brauche, wie etwa dem Zettel, dem im „Sommernachtstraum" ein Eselskopf aufgesetzt wird, oder dem Vieh Caliban, das im „Sturm" seine Prügel kriegt Auf der anderen Seite betont man, dieser Shylock sei vom Dichter mit allen Anzeichen ernstester, lebendiger Anteilnahme ausgestattet, er sei in seinem furchtbaren Wesen eine schicksalhaltige Gestalt so gut wie Macbeth oder der dritte Richard; und man versteigt sich auf dieser Seite wohl zu der Behauptung, das Stück sei mit bewußter Parteinahme für diesen mißhandelten Juden und gegen den frivolen, leichtsinnig spielenden venezianischen Adel geschrieben. Es herrscht ein unversöhnlicher Streit zwischen diesen beiden Anschauungen, der ganz zweifellos von dem Gefühlsmoment antisemitischer und prosemitischer Stellungnahme genährt und verschärft wird. Aber es scheint mir, daß bisher alle Versuche gescheitert sind, das eigentliche Problem des „Kaufmanns von Venedig" zu lösen, das Problem, welches lautet: wie haben wir uns einzustellen, um im „Kaufmann 2l\

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