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Der Morgen · 1925-06-01 · Heft 2 (Juni 1925) · p. 210

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
1 (1925-1926)
Issue
Heft 2 (Juni 1925)
Article
Shylock - Nathan - Judith
Date
1925-06-01
Page
210 (sequence 2)
Language
German
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Julius Bab begrifflicher Darlegung zugänglichsten Zeugnisse müßten hier die der Dichter sein, und im speziellen die der dramatischen Dichter, deren ganze Kunstform ja nichts als Ausdruck einer Leidenschaft, die ausschließlich in der Darstellung des Menschen das Wesen der Welt zu geben versucht — Haben nun die großen Dramatiker Westeuropas als Objekt ihres Darstellungstriebs auch den Juden ergriffen? Und in welchem Sinn? So lange der mittelalterliche Kulturkreis ungebrochen war, konnte es keine menschlich bedeutende Darstellung jüdischer Gestalten geben, denn es war das Hauptkriterium dieses Kulturkreises, Christentum und Menschentum als identische Begriffe zu fühlen. Es konnte aber in dieser Epoche auch kein eigentliches Drama geben, da die Grundanschauung der Zeit ein Aufsuchen des Götllich-Wesenhaften im irdischen Leben und Handeln nicht duldete. Erst die große Bewegung der Renaissance sprengte diesen Kreis; und als vollkommenster Ausdruck einer neuen Gesinnung entstand in England das Drama, — Drama im vollen Sinne des Wortes, in dem wir es heute erleben. Schon einer der ersten dieser neuen Menschengestalter, Christoph Marlowe, nur Vorläufer des eigentlich vollendenden Genius, wählte auch einen Juden zum Helden. Aber sein „Jude von Malta" ist im Grunde keine Menschendarstellung, so wenig wie der „Tamerlan" oder der „Faust" dieses Marlowe. Dieser Vorläufer bringt Naturkräfte in Menschengestalt auf die Szene, aber kaum die organisch gebundenen Wesen, die wir Menschen nennen. In ungeheurer quantitativer Verstärkung läßt er irgend eine Art der Machtgier über die Bühne rasen und sich tot rasen — politische bei Tamerlan, geistige bei Faust, wirtschaftliche bei dem Juden. Nach irgend einem Woher dieser gewaltigen Regungen wird nicht gefragt Diese Gestalten sind nicht im Sichtbaren und Fühlbaren verankert, sie sind überhaupt kaum objektiv vorgestellt, sie sind unmittelbarer Ausdruck für die wütende Leidenschaft ihres Dichters, und das bleibt das lyrische Element in dieser frühen Dramatik.---Der entscheidende Fortschritt zur eigentlichen Menschendarstellung, zur völlig in sich ruhenden Gestalt kommt unmittelbar darauf durch Shakespeare. Doch ist es wichtig, schon hier zu erwähnen, daß Shakespeares dramatische Menschendarstellung sich in zwei Variationen ausbildet: ein Heldenspiel, das einen Menschen von unbedingter, schicksalbestimmender Leidenschaft in die Mitte stellt und das ganze Drama mit all seinen Verästelungen zentral aus dieses einen Menschen Wesen entwickelt Und ein Lustspiel, das von den unheldischen, den innerlich müßigen, vom Zufall bewegten und gebogenen Menschen handelt, und das keinen Zentralbau, sondern 210

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