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Der Morgen · 1925-06-01 · Heft 2 (Juni 1925) · p. 209

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Journal
Der Morgen
Volume
1 (1925-1926)
Issue
Heft 2 (Juni 1925)
Article
Shylock - Nathan - Judith
Date
1925-06-01
Page
209 (sequence 1)
Language
German
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IRI
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Shylock - Nathan - Judith. Von Julius Bab. Besteht zwischen den Juden, die seit so vielen Jahrhunderten in Westeuropa leben, und den germanisch-romanischen Völkern, denen sie gesellt sind, eine Möglichkeit innerer Verständigung, spüren sie einander als Mitmenschen im vollen Sinn, als die individuell verschiedenen, aber im letzten Kern tief verwandten Repräsentanten der allen gemeinsamen Menschlichkeit? Oder ist zwischen ihnen Fremdheit und Feindschaft von Grund auf, tiefste Undurchdringlichkeit des Wesens, hoffnungslose Entferntheit? Wohl niemand zweifelt, daß dies die eigentliche Existenzfrage für die Juden Westeuropas ist — und keineswegs nur eine Existenzfrage im äußern wirtschaftlich-politischen Sinne, sondern auch und erst recht eine seelische Existenzfrage. Aber wo sollen wir die Zeugen finden, die gültige Antwort auf diese Frage geben? Ganz gewiß nicht im politischen Tageslärm, wo immer wieder bewußt und unbewußt alles geistig Bedeutsame als Maske und Mittel heftiger Augenblicksinteressen gemißbraucht wird. Auch kaum in der Wissenschaft, die dort, wo sie mit so unexakten Werten wie es die Dinge des Blutes, die Artungen der Seele sind, arbeiten muß, nicht dem Verdacht entgehen kann, ihre Entscheidungen unter dem Druck einer bestimmten Willensrichtung zu treffen. Aber es gibt noch andere Zeugen. Es gibt den Künstler, dessen Werk überhaupt nur dann gelingen und wirkungsmächtig werden kann, wenn es nicht aus einem von praktischen Zielen begrenzten Willen, sondern aus einer unbegrenzten Erschütterung durch Ewig-Menschliches stammt Wenn für Künstler des Abendlandes, die zuerst und zuletzt nichts ausdrücken wollten als das Menschliche, das sie in sich selbst fanden, jemals jüdisches Wesen Möglichkeit oder Notwendigkeit des Ausdrucks geworden ist — so hätten wir darin ein Zeugnis, unanfechtbarer, stärker als jedes andere. Die lesbarsten. 209

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