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Der Morgen · 1925-06-01 · Heft 2 (Juni 1925) · p. 207

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
1 (1925-1926)
Issue
Heft 2 (Juni 1925)
Article
Einführungen in das Erste Buch Mose
Date
1925-06-01
Page
207 (sequence 13)
Language
German
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Einführungen in das erste Buch Mose Thora diese angebliche Möglichkeit durch einen Baum mit solcher Frucht, und die Unerfüllbarkeit durch die Vertreibung aus dem Paradies dar, in dem er wuchs. Und er meine nicht, daß die Schuld des ersten Menschen ihm das Paradies verschlossen habe. Der Adam, der der Begierde erliegt, das bist du Mensch selbst Und möchtet ihr wirklich noch einmal die Probe machen und Adam und Eva vor dem Falle sein? Auch das nicht! Denn mit dem Paradiese war ein Mangel verbunden, den wir nicht mehr ertragen könnten. Im Paradies gibt es keinen Fortschritt und keine Kultur! Ihr Anfang ist das Kleid, das zuerst die erwachte Scham angelegt hat Wir mögen diese Entwicklung beklagen oder nicht, rückgängig läßt sie sich nicht machen. Gott hat dem Menschen nach einem primitiven Versuch ihrerseits die ersten Kleider gemacht, die erste und einzige Erfindung, die er selbst sie lehrt Zum Ersatz für das Paradies sind ihnen Fortschritt und Kultur gegeben. Nun können wir sie nicht mehr entbehren. Ohne sie wäre unser Leben tierisch. Wie könnten wir z. B., erwachsen, wie wir jetzt sind, nackt vor einander sein wollen! Wir können uns selbst nicht denken ohne diese Scham, die uns vom Tiere unterscheidet und ein wesentlicher Teil unseres Menschtums ist Dem Tiere gleichen wollen wir auch um den Preis der Unsterblichkeit nicht Der Kulturmensch kann nie wieder Naturmensch werden. Sterblicher, wenn auch der Schuld fähiger Mensch ist mehr als unsterbliches „unschuldiges" Tier. Nein, das Paradies ist nicht für den Menschen und der Mensch nicht für das Paradies. Es ist geradeso wie das Tier als Lebensgefährte ein mißlungenes Experiment, aber nicht Gott sondern dem Menschen mißlungen. Und damit er sich nicht beklagen kann, hat Gott es ihn machen lassen. Das Leben, wie es jetzt ist, ist gerade das der Natur und Bestimmung des Menschen angemessene und von je beschiedene Los. Diese Geschichte ist bereits weit hinausgewachsen über den naiven Volksglauben an ein goldenes Zeitalter, am Anfang mit einem Götterberg, einer seligen Insel, einem idealen Paradies und hat nur noch ein Lächeln dafür. Sie sagt es nicht ausdrücklich, aber sie läßt uns als ihre wahre prophetische Ansicht ahnen: das Paradies liegt nicht, wie die kleinen und die großen Kinder meinen, hinter uns, sondern vor uns. Es ist nicht ein in einem Schlaraffenleben bestehendes goldenes Zeitalter am Anfang, sondern ein zu erarbeitendes in sittlich-religiöser Vollendung bestehendes am Ende. Es ist nicht eine Gabe, sondern eine Aufgabe. Daher auch die auffallende Sparsamkeit in der Schilderung des Paradieses. Die Volksphantasie wußte, nach zahlreichen Spuren zu urteilen, viel mehr davon zu erzählen. Die Thora ist eine bewußt veredelnde 207

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