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Der Morgen · 1925-06-01 · Heft 2 (Juni 1925) · p. 206

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Journal
Der Morgen
Volume
1 (1925-1926)
Issue
Heft 2 (Juni 1925)
Article
Einführungen in das Erste Buch Mose
Date
1925-06-01
Page
206 (sequence 12)
Language
German
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B. Jacob dem er als Wächter die Cherubim mit der Flamme des wirbelnden Schwertes davorsetzt „um den Weg zum Baum des Lebens zu bewachen." „Denn — so sprach Gott der Herr — der Mensch ist wie unsereiner geworden, za erkennen gut und böse! Nun brauchte er nur noch seine Hand auszustrecken und vom Baume des Lebens zu nehmen, zu essen und ewig zu leben!" So hätte also die Menschheit durch die Schuld des ersten Paares für ewig das Paradies und die Seligkeit auf Erden, ja die Unsterblichkeit schon hienieden verloren? Müßte sie nicht für immer ihren ersten Stammeltern fluchen? Aber hier zeigt sich denn die tiefste Weisheit und unendliche Feinheit dieser wunderbaren Geschichte. Wenn es irgend eine unumstößliche Gewißheit gibt, so ist es die, daß alle Menschen sterben müssen. Nie hat es nach Gottes Schöpfung eine andere Ordnung gegeben, „denn Staub bist du und zum Staube mußt du zurückkehren!" Niemals also kann es — welch kindischer Gedanke! — eine Frucht gegeben haben, die den Menschen unsterblich machte, womit Gott, wenn er diese Frucht selbst pflanzte, seine eigene Ordnung umgestoßen hätte. Es gibt keine solche Frucht, und doch ist dies immer der am höchsten fliegende Wunsch der Menschheit gewesen: wenn es doch eine solche gäbe! Nichts ist schrecklicher als die Unentrinnbarkeit des Todes. Wenn es ihn nicht gäbe, dann könnte der Mensch sich Gott dünken, wie denn z. B. die Griechen die Götter „die Unsterblichen" nannten. Diese harte Wahrheit nun, daß wir alle sterben müssen, hat die Thora in ihrer göttlich lächelnden Weisheit in die zarteste und schonendste Form gekleidet, indem sie dem großen Kinde Mensch halb ernst halb schalkhaft erzählt: allerdings, es gibt eine Frucht, wer sie äße, würde ewig leben, aber — sie ist unerreichbar, denn zu dem Garten, in dem dieser Baum steht, gibt es keinen Zugang! Der Baum des Lebens ist der für immer unerfüllbare Wunsch nach ewigem Leben. Vom Baum der Erkenntnis zu essen war dem Menschen verboten aber nicht unmöglich. Diesem Teil der Gottähnlichkeit, die freie Wahl zwischen gut und böse, sollte er haben, nicht aber den andern, die Unsterblichkeit Denn mit dem Tode fiele das letzte und stärkste Schreck- und Strafmittel fort Grade die moralische Natur des Menschen, die Freiheit, zwischen gut und böse wählen zu können, verlangt seine Sterblichkeit Wer also vom Baume der Erkenntnis essen kann, dem muß es unmöglich gemacht werden, nach dem Baum des Lebens zu greifen. Da sich nun der Mensch die Erlangung ewigen Lebens leicht, nach der Ähnlichkeit der Lebens Unterhaltung mittels Nahrung, durch das Essen einer besonders wirksamen Speise erreichbar denkt, so stellt die 206

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