Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 1 (1925-1926)
- Issue
- Heft 2 (Juni 1925)
- Article
- Einführungen in das Erste Buch Mose
- Date
- 1925-06-01
- Page
- 205 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2895450-2895451-2895454-2895906--00240-2896014- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Einführungen in das erste Buch Mose Wahrheit liegen auch diesem Kapitel die reinsten und vollkommensten Begriffe von Gott zugrunde, Alle scheinbar vermenschlichenden Ausdrücke sind nur gewählt, um dem menschlichen Verständnis entgegenzukommen. Gottes „Hand" ist ein lebendiger Ausdruck für seine Macht, sein „Auge" für seine Allwissenheit, sein „Angesicht" für seine Gegenwart usw. Daß es die unzweifelhafte Meinung der Bibel ist, daß Gott reiner Geist ist und nichts Körperliches von ihm ausgesagt werden kann, geht schon daraus hervor, daß sich die stärksten Vermenschlichungen grade bei denjenigen Schriftstellern und Propheten finden, die gleichzeitig am schwungvollsten Gottes unvergleichliche Erhabenheit und absolute Geistigkeit verkünden. Aber wenn zwei Freunde ihrer sicher sind, und wissen, wie sie zueinander stehen, dann brauchen sie im Ausdruck keine ängstliche Vorsicht zu üben. Sie wissen, wie es gemeint ist So haben sich die Bibel und ihre Vertrauten immer verstanden. Da es von vorneherein feststand, daß Gott kein Mensch noch menschenähnlich ist, so konnten unbesorgt solche Vermenschlichungen gebraucht werden, ohne die überhaupt gar nicht auszukommen ist Es ist gewiß in der Sache richtig, wenn man erklärt: Gott „sprach" bedeutet: er gab die Idee kund (obgleich man damit auch nicht weiter gekommen ist), oder: Gott „hauchte ein" ist eine bildliche Einhauchung, durch welche die Schöpfung der Seele erfolgt, Gott „führte herzu" ist ein bildlicher Ausdruck für jene Tätigkeit Gottes, durch welche Adam befähigt wurde, die Tiere zu betrachten, um dadurch ihr Wesen und ihre Bestimmung auszudrücken; die Zeitwörter Gott „machte", er „bekleidete" sind „von einer indirekten Anordnung Gottes zu verstehen, infolge der eingetretenen Bekleidungsnotwendigkeit" Solche Umschreibungen sind nötig und verdienstlich, wenn es darauf ankommt, grundsätzlich Klarheit zu schaffen und unziemlichen Vorstellungen von Gott vorzubeugen. Aber die Bibel will ein Volksbuch sein und wäre nie der Herzensfreund von Jung und Alt geworden, wenn sie dies frostige Geschäft besorgter Glaubensrichtigkeit selbst betrieben und nicht gelehrten Nachkömmlingen überlassen hätte. Wenn man unter „naiv" und „kindlich" mangelnde Bewußtheit und Denkkraft versteht, ist man hinsichtlich der Bibel im Irrtum. Sie redet keine gelehrte Schulsprache, aber ihre scheinbar schlichten Aussprüche sind oft der Niederschlag eines tiefen und energischen Nachdenkens, ahnlich wie das Volkssprichwort 8. Die für das ganze Menschengeschlecht aller Zukunft, wie es scheint, verhängnisvollste Maßregel Gottes ist es, daß er nunmehr das erste Menschenpaar aus dem Paradiese verweist und für immer den Zugang verschließt, in- 205