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Der Morgen · 1925-06-01 · Heft 2 (Juni 1925) · p. 203

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Journal
Der Morgen
Volume
1 (1925-1926)
Issue
Heft 2 (Juni 1925)
Article
Einführungen in das Erste Buch Mose
Date
1925-06-01
Page
203 (sequence 9)
Language
German
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Einführungen in das erste Buch Mose neue in die Erzählung eingeführte Figur bedeuten soll, darüber gibt grade der Umstand Aufschluß, der sehr zu Unrecht anstatt ein Licht auf Sinn und Art der Geschichte zu werfen, Anstoß gegeben hat: daß die Schlange redet Kein Mensch bestreitet heute so wenig wie zu Salomes Zeiten, daß die Tiere ihre „Sprache" haben, die der Mensch vielleicht erforschen und verstehen mag. Aber noch nie hat ein Mensch ernstlich geglaubt, daß sie unsere Sprache sprechen, sodaß er sich mit ihnen in menschlicher Rede und Gegenrede unterhalten könne. Auch Kinder „glauben" es nicht, wenn man sich darunter etwas mit Vernunft und Verstand Verträgliches vorstellen soll. Wenn man ihnen diese Geschichte erzählt, so fragen sie wohl: konnte denn die Schlange sprechen? — also schon ihnen erscheint es nicht glaublich — und geben sich zwar mit der Antwort zufrieden: „Gewiß! Im Paradiese konnten auch die Tiere sprechen." Aber nur weil sie, wie Kinder pflegen, überhaupt eine Antwort haben und mit ihren Fragen ernst genommen werden wollen. Aber wenn sie nur ein wenig „nach"zudenken vermögen, erkennen sie, daß es schlechterdings unmöglich, daß ein sprechendes Tier ein Widersinn ist Ein Tier, das spricht, eigene Gedanken in menschlicher Rede widergibt, ist eben kein Tier. Am wenigsten glauben es Leute, die von redenden Tieren schreiben. Wenn Fabeldichter Tiere zu Menschen oder über Menschen sprechen lassen, so geschieht es u. a., um diese wirksamer durch den Mund des unbeteiligten so viel tiefer stehenden Wesens zu belehren und zu beschämen. Nun kommt in der Thora noch einmal ein redendes Tier vor: die Eselin Bileams. Dort soll dies unzweifelhaft Ironie sein. Der „Seher", der auszieht, um zu verkünden, was er in ferner Zukunft schaut, der sich den „Seher der Gesichte des Allmächtigen" nennt, sieht nicht einmal die Erscheinung vor seinen Augen, die das unvernünftige Tier wittert! So ist auch dieses Kapitel von jener feinsten göttlichen Ironie durchweht, die mit erhabener Heiterkeit und lächelnder Weisheit belehrt und beschämt, die als das Gewürz der Rede so unentbehrlich ist wie das Salz der Speise und sich in der Bibel viel häufiger findet als man gewöhnlich annimmt. Denn es gibt Stellen im menschlichen Herzen, die gegen den Ernst gepanzert sind, wo aber die Pfeile des Spottes sicher treffen. Diese gottgleichen ersten Menschen — durch wen lassen sie sich verführen, werden sie sehend und wissend? Durch ein Tier! Die Versuchung wird von außen angeregt, von wo sie durch die Sinne aufgenommen wird — von dem mit Verbot belegten Baum — und von innen d. i. den begehrlichen Blicken und Gedanken, denn „Auge und Gedanke sind die Kuppler der 203

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