Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 1 (1925-1926)
- Issue
- Heft 2 (Juni 1925)
- Article
- Das Opfer Manoahs
- Date
- 1925-06-01
- Page
- 192 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Wilhelm Hausenstein linken Büdhälfte durch die Konkretion der rechten auszugleichen: dann ist die betende Frau das wohltätigere Widerspiel gegen Feuer, Opfer und EngeL Die Frau ist voll schöner Realität; sie ist voll ruhiger Wirklichkeit; die stärkere Poesie, malerische wie menschliche, welche dies Frauenbild geschaffen hat, hindert diesen konkreten Zustand ebensowenig, wie die allzu nahe Prosa des Manoah ihn je herbeizuführen vermag. Es ist recht eigentlich die Frau, die den gespenstischen Elementen des Bildes im Konkreten die Wage halt Und diese Frau ist, trotz des magisch-sinistren, wundersam mystifizierenden Stilllebens mit dem Feuer, am Ende (oder manches Mal) die eigentliche Schönheit des Bildes. Das Gesicht ist mit aller Fülle, doch ruhig impastiert; die farbige Materie liegt ruhig an den Kleidern; zwar ist der weißlich-goldene Ärmel etwas leidenschaftlicher gemalt; aber die konzentrierte Ruhe der Malerei des Angesichts stillt die ganze Situation; die zügigere Malerei des Ärmels wird nicht emanzipiert; dem ganzen Bild ist von dem dicht, doch klar gemalten Angesicht der Frau eine beruhigte Verfassung gewährleistet — trotz dem Gespenst, trotz dem Feuer, trotz dem blutigen Tier; und trotz den beklommenen Nerven des Mannes. Es ereignet sich etwas sehr Merkwürdiges. Das Stichwort dieses Merkwürdigen ist schon gesagt Es ereignet sich: Rembrandt wird an einem alttestamentarischen Stoff klassisch. Das Opfer wird durch die betende Frau antik; man wäre in Versuchung, sie Iphigenie zu nennen. Sie kniet auf ebener Erde; aber es ist, als wäre ihr ein antikischer Sockel unterlegt, der ihr einen griechischen Abstand vom beängstigenden Leben einräumt; während der beunruhigte Gatte Manoah allerdings durchaus zu ebener Erde kniet — mehr ein Eindringling in den künstlerischen Bestand des Bildes denn ein konstitutiver Teil des Bildes selbst Wir reden vom Griechischen; reden von Klassizität Ist es zuviel? So wäre wenigstens zu sagen: Rembrandt hat hier Antikität in jenem Maße, das den griechischsten der holländischen Maier auszeichnet, den attischsten: Vermeer van Delft Ich denke nicht (trotz Gelb und Rot) an das Dresdener Bild der« Kupplerin; wohl aber an jene antikisch „profilierten" Frauen, die holländische Briefe lesen und holländische Perlenschnüre versuchen — und dennoch attischen Reliefs, attischen Stelen vergleichbar sind... Auch das sonst so explosive Licht Rembrandts wird an dieser schönen jüdisch-griechischen, italischjüdischen Frau still und sanft Auf diese Weise wiegt Manoahs Weib die etwas unausgesprochene Weiche und Breite des Engels auf, sein gleichsam gasiges und wattiges Dasein. Der 192