Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 1 (1925-1926)
- Issue
- Heft 2 (Juni 1925)
- Article
- Das Opfer Manoahs
- Date
- 1925-06-01
- Page
- 193 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Das Opfer Manoahs übergenaue Manoah selbst vermag es nicht Die Frau kann es: hebräische Hellenin . . . Es wäre interessant, noch zu erkennen, welche Funktion dem Hintergrund auf diesem Bilde zugesprochen war. Er ähnelt ein wenig dem Grund auf dem Bild - der „Nachtwache": mit der vagen Architektur, den zu mutmaßenden Säulen, dem teerigen Dunkel. Vielleicht und wahrscheinlich, daß diesem Grunde eine vermittelnde Arbeit zugewiesen war, die von den Jahrhunderten weggezehrt wurde; so daß Manoah selbst, doch auch die Frau heute unvermittelter da wäre als ehedem . . . Wir wissen es nicht Dies aber bleibt das Sonderbarste des Bildes von i64i, das als ein Grenzstein nach dem ersten Drittel vom Weg Rembrandts angesprochen werden könnte: daß er, vom Alten Testament ergriffen, ein beinahe griechisches Bild gemalt hat; daß ihm das Alte Testament eine freie Bewegung bis zu solcher Länge der Spannung erlaubte. Wie sehr muß doch das Alte Testament sein starkes und gewisses Zentrum gewesen sein, wenn er von dieser Mitte aus bis zu solcher Peripherie gelangen konnte; wenn ihm von dieser Mitte her gestattet war, das Schreckliche auf eine Weile zu vergessen und sich am Rande des Alten Testaments in gleichsam antikischer Liberalität zu bewegen . . . Und sonderbar vollends dies: er kommt in diesem Bilde vom Alten Testament her viel eher zur Antike als — zum Neuen Testament: er, Rembrandt, der Antipode des Klassischen I Es ist einer der seltsamsten Augenblicke im Leben Rembrandts. Aber wir müssen die Bedeutung des Augenblicks noch bis ins Ende, erkennen. Die Situation verharrt ja nicht im Griechischen, in dieser Parabel des Griechischen. Zuerst ist nun noch dies wahr: das gleichsam Griechische macht vielleicht gerade das köstlich Sekundäre des Bildes aus, von dem wir sprachen. Das Temperament Rembrandts kann nicht klassisch werden, ohne matter zu werden; Rembrandt kann auch dem edlen Vermeer nicht ähneln, ohne weniger zu werden als Er, Rembrandt Sodann: ist es, so aufrichtig, so beglückt wir die Schönheit der knienden Frau auf dem imaginären Sockel bewundern, nicht dennoch wahr, daß wir, obzwar auf lange Zeit und mit Ruhe, doch nicht auf die Dauer bei ihr verweilen wollen? Wir wenden irns ab, schauen zur Linken hin, betrachten den Engel, der nach dem Worte Burckhardts „in lächerlichster Weise entschwebt" — wie denn „das Schweben niemals Rembrandts Sache gewesen sei". Wir 193