Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 1 (1925-1926)
- Issue
- Heft 2 (Juni 1925)
- Article
- Das Opfer Manoahs
- Date
- 1925-06-01
- Page
- 186 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Wilhelm Hausenstein doppelt wahr, daß Rembrandt in dem Samariterbild einen seiner höchsten Augenblicke erreicht habe. Aber vor allem fällt auf: Rembrandt vermag es eigentlich nicht, den Typus Jesu im Bilde zu realisieren. Er macht oft genug den Versuch, Christus gleichsam mit der Deutlichkeit des Bildnisses zu vergegenwärtigen. Das Unterfangen glückt ihm kaum. Von den Bildnissen Christi überzeugt keines in einem vollkommenen künstlerischen und moralischen Sinne (der hier eins und dasselbe sein müßte). Wir sagen auch schwerlich zu viel, wenn wir denken: keines habe den Meister selbst befriedigt Und wir lästern weder ihn noch den gekreuzigten Helden seiner rührenden Sehnsucht, wenn wir vorstellen: Christus habe für das Wesen Rembrandts vielleicht keine vollkommene Realität gewonnen . . . Dies wäre nur zu begreiflich: denn Rembrandt ist weder selbst ein frommer Christ im Sinne des Evangeliums, noch haben ihm die evangelischen Zeitgenossen auf christliche Weise das gütige Gesicht „des Nächsten" gewiesen . . . Man mag auch daran denken, daß der Calvinismus des rembrandtischen Amsterdam unter allen christlichen Bekenntnissen dem Alten Testament am nächsten kommt; daß ein gewisser Judaismus zum Stil des Amsterdamer Calvinismus jener Tage zu gehören scheint; daß Amsterdam um einer philosemitischen Gastlichkeit willen bei den jüdischen Flüchtlingen den Beinamen eines „Neuen Jerusalem" trägt. Doch dies wären nur Erklärungen aus der zweiten Reihe. Die entscheidende Erklärung wird im Wesen Rembrandts selbst gefunden: er ist ein gleichsam vorchristlicher Mensch; für ihn scheint der Erlöser noch nicht gekommen; er mag, fast ingrimmig, zum Alten Bunde schwören — zum mindesten in einer tiefen Zweideutigkeit der Haltung verharrend sein Angesicht nach beiden Seiten kehren, zu der älteren aber noch mehr als zu der jüngeren. Oder darf man sagen, seine doppelsinnige Stellung bedeute den Raum und die Verbindung zwischen beiden geistlichen Zonen? Den inbrünstigsten der Kompromisse zwischen Hier und Dort? Wie dem sei: fast allzu herrlich geraten ihm die Bilder zum Alten Testament: Tobias und der Engel (in der Glasgower Variante von i65o); Daniel und der Engel im Bilde des Berliner Museums (von etwa i65o); das Bild von Jakobs Segen (aus dem Jahre i656) zu Kassel — eines der kolossalischesten Stücke seiner aufgewühlten Malerei; die unheimlichen Momente zwischen Ahasver, Esther und Harn an oder Mardochai (das Moskauer Gemälde von 1660, das Bukarester von etwa 1665); der weinende Saul mit dem harfenden David (von etwa i665) im Mauritshuis — vielleicht das gewaltigste Bild, das von Rembrandt über- 186