Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 1 (1925-1926)
- Issue
- Heft 2 (Juni 1925)
- Article
- Das Opfer Manoahs
- Date
- 1925-06-01
- Page
- 187 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2895450-2895451-2895454-2895905--00221-2895996- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Das Opfer Manoahs haupt gefühlt und gemalt worden ist Er empfindet in der innersten Tiefe die Guttat des Samariters am Geschlagenen im Sinn des evangelischen Gleichnisses; er findet zu dem Gefühl die adaequateste der Malereien — eine so zarte als breite Malerei, die aufliegt, wie die heilende Materie eines Balsams, wenn sie nicht auf immaterielle Weise wohltatig, „unendlich" angenehm wird wie ein bloßer Hauch aus liebendem Munde. Aber es ist nicht, als wäre dies herrliche Bild wie ein sanfter Rückzug — wahrend das Naturell des Rembrandt sich, eigentlicher noch, im Vehementen des Gefühls und der Malerei entlädt? Saul weint; er drückt den violetten Vorhang in die linke Augenhöhle, die entsetzlich tief und beinahe eine Wunde ist Ist diese Geste nicht zugleich die ganze Güte des Samariters — aber eingeschlossen in jene arge Wut der Verstecktheit, die das schonungslose und ungeschonte Herz eines Menschen des Alten Bundes ist, wenn es nicht, in solchem lösenden Moment, von jener Wut für wenige Stunden befreit ward? Es ist nicht anders: das Schreckliche des Alten Bundes, das Gefährliche hat für Rembrandt die stärkere Anziehung. Er ist ein Mensch in katastrophaler Mischung der Temperamente: zart und wild, innig und wüst, ein Engel und ein Gräuel, fromm und auch bereit, zu verbotenen Götzen abzufallen; in der Ehe mit Saskia dient er dem Goldenen Kalb. So sucht er das Alte Testament — diese ungeheuerste Urkunde menschlicher Mischung; menschlicher, allzumenschlicher Vollständigkeit im Guten und Bösen (nicht also, beileibe nicht, der evangelischen Vollkommenheit aus dem Geiste der Enthaltung) ... Darum gerät ihm das Bildnis Christi nie über den Inbegriff einer zwar schönen, zwar rührenden, aber (im Verhältnis zu Rembrandts Vollmachten) auch etwas matten Ideologie hinaus. Darum geraten ihm unter den Bildern zum Alten Testament auch Stücke der zweiten und dritten Ordnung zu einer stärkeren Intensität Und es ist eben mit diesem Vorbehalt, doch auch im Sinne dieses spezifischen Mehrwertes, daß ich von einem Bild der zweiten Reihe reden möchte: dem Opfer des Manoah. Das dreizehnte Kapitel des Buchs der Richter lautet: „Und die Kinder Israel taten fürder übel vor dem Herrn; und der Herr gab sie in die Hände der Philister vierzig Jahre. Es war aber ein Mann zu Zora von einem Geschlecht der Daniter, mit Namen Manoah, und sein Weib war unfruchtbar und gebar nicht 187