Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 1 (1925-1926)
- Issue
- Heft 2 (Juni 1925)
- Article
- Die Ausgrabungen am Sinai und das Problem des Moses- und des Gottesnamens
- Date
- 1925-06-01
- Page
- 176 (sequence 15)
- Language
- German
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R. Hallo Moses.16) Dasselbe Märchen von Sargon wie von Moses, und doch nicht dasselbe. Denn erst hier setzt die ernsthafte Verwertung der vergleichbaren Formungen ein, und erst hier enthüllt sich der ganze innige Reichtum der jüdischen Erzählung von dem Kindlein, das ausgesetzt und von seiner Schwester bewacht wurde, über das sich eine fremde Königstochter erbarmte, und das seiner eignen Mutter als seiner Amme anvertraut wurde. Jener Sargon dagegen, roh, bastardhaft, der Sohn einer ehebrecherischen Verbindung, sicher herrenmäßiger als Moses, aber ein Wesen von ganz fremdem Holz. Und Sargons Jugendgeschick ein einzelnes, verbindungsloses Blatt ohne Zuvor und Hernach — Mosis Kindheitsgeschichte eingewebt in das Schicksalsgefüge unserer Vorgeschichte.17) Ebensowenig wird die Existenz Friedrichs des Großen durch die Feststellung in Frage gestellt, daß auf ihn das Märchen vom König Drosselbart übertragen ist, der als abgewiesener Freier der gedemütigten Prinzessin in die Töpfe hineinreitet, um die Ärmste gänzlich zu vernichten — und umso königlicher zu entschädigen. Maria Theresia ist im plattdeutschen Märchen (Ausgabe Wisser-Diederichs) die Auserwählte des verkleideten Prinzen von Preußen geworden, vor dem sie sich bis zur Berliner Höckerin erniedrigen muß, weil sie ihn einmal verachtet hat. Die Originalität der gutpreußischen, antikatholischen Phantasie, die dem großen König solche märchenhaften Züge andichtete, wird auch nicht dadurch herabgesetzt, daß man nachweist, wie eine anders gerichtete Gestaltungskraft den Erzbischof-Kurfürsten von Köhl, Clemens August, den absolutistischen Zeitgenossen Friedrich des Großen, zu einem anderen König Drosselbart des katholisch-patriarchalischen Rheinlandes machte, der aus Laune den Marktweibern ihre Töpfe zerschmiß, um sie mit Gold des schönen Fluchens halber aufzuwiegen, (v. Mehring, Geschichte der Burgen etc. in den Rheinlanden. VI. Heft i84a, S. 79 f.) Wird nicht durch diese sorgliche Betrachtung unsere Mosesgeschichte mit all den einzelnen Zügen, an denen sie sich vom absoluten, d. h. abgelösten; Motiv unterscheidet, viel mehr unser Eigentum, als wenn wir sie in trostloser Blickstarre wie eine automatische Aufzeichnung höheren Diktats lesen, die unsere Schrift weder im Einzelnen, noch im Ganzen überhaupt sein will? Es bliebe nun noch eines und zwar das Wichtigste zu fragen, wenn es nicht allzu kühn ist, einen Blick hinter die Geschichte ins Geschehen zu werfen: Wie kam es, daß sich das Märchen vom ausgesetzten Kinde, das 16) Auch wer Neigung verspüren sollte, an der Existenz Mosis zu zweifeln, wird sie heute weniger denn je annehmlich zu machen vermögen, wo uns im gleichen Jahre, das die Grimmeschen Entzifferungen brachte, hetitische Staatsurkunden darüber belehrt haben, daß die Heldengestalten der griechischen' Sagenwelt historisch faßbare Personen gewesen sind. (Forrer in M.D.O.G. Heft 63.) 17) Auf Romulus und Remus, die die Wölfin säugte — ihre Aussetzungsgeschichte ist aus einem sophokleischen Drama übernommen und also im eigentlichen Sinne abhängig — sei nur hingewiesen, um die Verbreitung des Motivs und die Abstände seiner Variationen zu verdeutlichen. 176