Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 1 (1925-1926)
- Issue
- Heft 2 (Juni 1925)
- Article
- Die Ausgrabungen am Sinai und das Problem des Moses- und des Gottesnamens
- Date
- 1925-06-01
- Page
- 173 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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Die Ausgrabungen am Sinai und das Problem des Moses- und des Gottesnamens verlangt — sind wir so aufmerksame Hörer der in ihr nach Goethes Wort Ereignis gewordenen „unerhörten Begebenheit", daß uns die ganze Welt der historischen Erkenntnis vor ihr ins Wesenlose versinkt Besinnen wir uns aber, indem wir erwachen, auf unser Urteilsvermögen, das wir aus der Hand gegeben hatten, so lang der Erzähler uns fesselte, so erkennen wir, wie ein fernher klingender Name und eine wohl gegründete Erinnerung ein schönes Märchen schufen, umso schöner, als unsere Nüchternheit den schönen Traum nicht träumen kann. Denn Babel heißt garnicht Verwirrung. Das Wort Babel hat mit balal nichts zu tun oder vielmehr nur das eine, daß es den Hebräer an balal Verwirrung denken ließ. An sich hat es überhaupt keine Verbindung zum Hebräischen und läßt sich also auch nicht hebräisch auflösen. Das Wort ist babylonisch und bedeutet bab-ilu (griechisch Babylon) Pforte der Götter, wie heute etwa Konstantinopel bei den Mohammedanern bab-es-seadet Pforte der Glückseligkeit heißt Es ist wie mit unserer deutschen Ortssage, die erklären will, weshalb Altona seinen Namen erhielt Weil es zu dem älteren Hamburg all to nah ist! Sicher falsch, und trotzdem, wie bei der babylonischen Erzählung, in einem viel tieferen Sinne wahr und begründet: denn Altona, die kleine Nebenbuhlerin Hamburgs, die nur vom Abglanz ihrer großen Schwester zehrt, ist eben wirklich Hamburg all zu nah. Und, damit es nicht bei Eigennamen bleibe, noch ein Beispiel aus der deutschen Wortgeschichte, das den strengsten Parallelismus. zum Sprachanklang Babels an balal und zugleich zu der der Angleichung zugrunde liegenden inneren Verbundenheit beider Vorstellungen bietet: Leutnant. Lehnübersetzung aus arabisch-spanischem Kai-makam (Dlp^ wurde es deutsch wörtlich genau zu Statt-halter, französisch zu lieu-tenant. Aber in der gesprochenen Rede verschob es sich aus dem lieu-tenant zum Leutnant, als ob es sich um nichts als den Statthalter über viele Leute handelte 1 Und doch, handelt es sich nicht wirklich beim Leut-nanl um einen, der beauftragt ist, der Führer vieler Leute zu sein? An diese zur Verdeutlichung vorangeschickte Auseinandersetzung schließen wir die Erörterung unseres besonderen Problems. Der Führer, der die Juden aus Ägypten zum Sinai, vom Sinai an die Grenze des gelobten Landes führte, der sie am Sinai zum Volk zusammenschweißte, weil sie ihm glaubten, daß ihm Gott begegnet — dieser Führer heißt Moses (hebräisch Mosch eh). Die Wirklichkeit und Bedeutung seiner historischen Existenz steht außer aller Frage, trotz aller, vielmehr gerade wegen aller Sagen, die sich an seinen Namen hefteten. Was bedeutet aber sein Name selbst? Die Bibel sagt: aus dem Wasser gezogen, und erklärt ihn 113