Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 1 (1925-1926)
- Issue
- Heft 2 (Juni 1925)
- Article
- Die Ausgrabungen am Sinai und das Problem des Moses- und des Gottesnamens
- Date
- 1925-06-01
- Page
- 172 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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R. Hallo Wenn hier von Art und Stil gesprochen wird, weil die immer neu aufspringenden Quellen unserer Belehrung, wie etwa diese sinaitischen Ausgrabungen, unsere Einsicht auch dann vertiefen, wenn ihre erste Auswertung irrig wäre, indem sie uns die Problematik der überlieferten Begriffe zum Bewußtsein bringen, so wird dieser stilistische und bedeutungswissentliche Abschnitt den ersten historisch-philologischen zu einer abgerundeten Betrachtung ergänzen. Denn die biblischen Erzählungen sind nicht nur Berichte einer anderen Zeit der Menschheit, sondern auch Berichte einer andern Art von Menschen. Im ersteren Sinn sind sie, gemessen an unserem Maßstab, ahistorisch, im zweiten areaL Ihr trotzdem vorhandener historischer Zug liegt in der Verkettung der zusammenhangslosen Geschichten zu einer schicksalsmäßigen Geschichte, ihre trotzdem vorhandene Realität liegt in der vollkommenen Belebung ihrer Gestalten aus ihnen selbst heraus. In beiden sind sie um das Maß, das sie der scheinbaren Wirklichkeit ferner sind, der wirklichen Wahrheit im Grunde näher. Die Geschichte von der babylonischen Sprachverwirrung soll uns nach einer gewissen Seite den Stil der alten Erzähler verdeutlichen. Genesis n erzählt, wie die Menschen im Lande Sinear übermütig wurden und mit einem Turmbau Gottes Zorn weckten.11) Wohlan, sprach Gott, (V. 7) wir wollen sie verwirren (balal). Und so geschahs, der Turm des Trotzes zerfiel, die Zerstreuung trat ein, und (V. 9) deshalb nannte man den Namen der bis namenlosen Turmstadt: Babel (Verwirrung). Das ist der Typus jener Erzählung, in der ein abschließender Name eine erklärende Geschichte besiegelt. In der Welt der in sich ruhenden Geschichte ist Babel Babel genannt worden, weil und nachdem es durch Gottes Zorn eine Stätte der Verwirrung geworden war. In der Welt der Historie und der Kausalität ist die Erzählung von Gottes babylonischer Verwirrung entstanden, weil der vorhandene Name Babel wie „Verwirrung" klang und weil an dieser Stätte eines wahrhaft babylonischen Völkergewimmels tatsächlich die sagenhaften Trümmer wahrer Himmels türme lagen. Man muß die beiden Welten der Erzählung und der Historie reinlich trennen; jede hat ihren eignen Lebensraum, jede «hat ihre eigne Realität, und wenn anders nur die „Geschichte gut erzählt ist" — wie Saladin das von Nathan 11) Im Gegensatz zu Gunkel, dessen Untersuchungen ein Muster feinster Sagenforschung bilden, legen wir nicht das Gewicht darauf, das Geschichtsgewebe in seinen Fäden aufzudröseln (Genetik der Geschichte im Künstler), sondern darauf, die verwobene Geschichte aus sich selbst zu interpretieren (Homiletik der Geschichte als eines Kunstwerks). 172