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Der Morgen · 1925-06-01 · Heft 2 (Juni 1925) · p. 161

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
1 (1925-1926)
Issue
Heft 2 (Juni 1925)
Article
Der Antisemitismus im Lichte der Soziologie
Date
1925-06-01
Page
161 (sequence 14)
Language
German
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Der Antisemitismus im Lichte der Soziologie überall in der Welt, in Nordamerika and Japan nicht minder wie in Rußland und Westeuropa, der unerfreulichste Typ einer Herrenschicht, den die Geschichte bisher hervorgebracht hat Wir dürfen aus diesem Grunde mit aller Kraft die Beschimpfung zurückweisen, daß diese Qualitäten mit unserer „Rasse" in notwendigem ursächlichen Zusammenhang stehen: eine Behauptung, die schon durch das Vorhandensein eines einzigen Juden von vorbildlichem Charakter widerlegt wird; wir dürfen daher mit aller Sicherheit behaupten, daß unsere Gemeinschaft unter günstigeren Verhältnissen in wesentlich größerem Maße die liebenswerteren Eigenschaften des Menschengeschlechts entfalten wird. Ja, wir dürfen uns vielleicht rühmen, daß wiruns unter diesem Druck von 2000 Jahren über alles Erwarten hinaus gehalten haben: aber wir dürfen uns keinesfalls auf den Standpunkt stellen, daß dieser Druck auf den durchschnittlichen Charakter der Gruppe ohne jeden Einfluß geblieben ist. Dann wären wir ein Volk von Gollern und nicht von Menschen. Diese Dinge sind in den letzten Jahrzehnten noch arg verschlimmert worden durch die „Zerpulverung" der Völker in Individuen, wie Troeltsch einmal sagte. Sie hat alle Völker der europäisch-amerikanischen Zivilisation schwer betroffen und psychologisch völlig umgewandelt, aber keine Gruppe schwerer betroffen und stärker umgewandelt als die Judenschaft Die Kraft, die die Judenschaft durch den Druck der Jahrtausende aufrecht und in so erstaunlichem Maße gesund erhalten hat, war ihre Religion. Nur in der Einordnung in eine gewachsene Gruppe kann der Mensch gedeihen; ihre Normen und Imperative sind für den einzelnen das Gerüst seiner Lebenshaltung, vor allem seiner Moral. Aus diesen Bindungen gelöst, verliert das Individuum Kompaß und Steuer und treibt hilflos im Ozean. So lange der Jude in seinem Ghetto lebte, war sein äußeres und inneres Leben streng geregelt, war seine Seele vor wirklich schweren Verirrungen bewahrt; als er ihm entrann, verlor er den Zusammenhalt mit seiner sozialen Gruppe und entbehrt seitdem ihrer Aufsicht und ihres wohltätigen Zwanges. So lange er dann in der Diaspora noch den vielfältigen religiösen Imperativen gehorsamte, von denen ja außerordentlich viele ethische Gebote sind, hatte er in der Regel noch Halt genug. Als aber auch diese innere Bindung schwand, und in dem Maße wie sie schwand, war er fast völlig steuerlos, viel mehr als selbst der irreligiös gewordene Christ, der ja immer noch eine gewisse Einordnung in soziale Gruppen besaß, Gruppen, die dem Juden aber nur selten volle Aufnahme gewährten. So ist der Jude heute vielfach der Exponent der ungeheuren und verderblichen Atomisierung unserer 159

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