Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 1 (1925-1926)
- Issue
- Heft 2 (Juni 1925)
- Article
- Der Antisemitismus im Lichte der Soziologie
- Date
- 1925-06-01
- Page
- 160 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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Franz Oppenheimer gegen den jüdischen Stadter, den jüdischen Kaufmann: denn dem christlichen Plutokraten kann man sich verschwägern und ihn dadurch seiner eigenen Klasse entfremden, politisch und sozial zu sich selbst herüberziehen, aber mit dem Andersgläubigen gibt es kein Konnubium und daher keine soziale Verschmelzung. Dieser Haß gegen die Juden ist also vielfach verwurzelt Es wird uns nicht mehr wundern, daß unser Feudaladel und die ihm seelisch verwandten, d. h. die von seiner Ideologie beeinflußten Volkskreise heute fast ihre ganze, und namentlich ihre Wahlpolitik auf den Antisemitismus abstellen: umso weniger wenn wir erwägen, daß, wieder nach einem Grundgesetz der Sozialpsychologie, jede Klasse, die in ihrer Politik Schiffbruch erlitten hat, zwangsläufig nach einem Sündenbock Umschau hält, auf den sie die Verantwortung abwälzt Aber mit diesen Erwägungen dürfen wir uns nicht begnügen. Wir dürfen, wenn wir nicht unserer persönlichen Gleichung zum Opfer fallen sollen, nicht nur diejenigen Ergebnisse der Soziologie anziehen, die uns günstig sind, sondern auch diejenigen, die uns ungünstig sind: Jede schwer unterdrückte Schicht leidet unter dem Druck, leiblich und seelisch; sie wird verbogen und verzerrt Die Ethnographie spricht von „Kümmerrasse" bei denjenigen Volksstämmen, die durch stärkere Feinde in die nahrungsarmen „Randgebiete" der Erde: Steppen, Wüsten, Polarkappen, unfruchtbare Hochplateaus gedrangt sind. Der Ausdruck ist wesentlich leiblich, somatisch gemeint, aber er muß auch psychisch verstanden werden. Eine dauernd unter hartem Druck stehende Menschenschicht muß in sich, um existieren zu können, die Eigenschaften des Hasen, des Fuchses und der Schlange, die in die Ferse sticht, notwendig entwickeln. Und das sind Eigenschaften, die auch uns selbst als weniger erfreulich erscheinen als die des Löwen oder auch nur des täppischen Bären. Daß in dem Gesamtjudentum diese Eigenschaften in nicht unerheblichem Maße vorhanden sind, können und wollen wir nicht leugnen, ebensowenig, daß die vorwiegende Beschäftigung der Juden im Handel dazu beiträgt, gerade diese Eigenschaften noch zu verstärken. Wir dürfen und sollen den Standpunkt mit aller Kraft vertreten, daß diese relative Häufigkeit gewisser unerfreulicher Eigenschaften die Folge ist einerseits des grauenhaften Drucks, dem namentlich die Juden des europäischen Ostens seit Jahrhunderten unterworfen sind, andererseits der Einpferchung der Juden gerade in diejenigen Berufsarten, in denen jene Untugenden überhaupt die Bedingung zu üppigstem Wachstum finden: der Kapitalist, namentlich der kleinere Kapitalist im Aufstiege zur Großmacht, ist 158