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Der Morgen · 1925-06-01 · Heft 2 (Juni 1925) · p. 159

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
1 (1925-1926)
Issue
Heft 2 (Juni 1925)
Article
Der Antisemitismus im Lichte der Soziologie
Date
1925-06-01
Page
159 (sequence 12)
Language
German
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Der Antisemitismus im Lichte der Soziologie Weise sind die Jaden von Stadt zu Stadt, von Land zu Land gehetzt worden* Es wurden förmliche Kartelle zu. ihrer Beraubung zwischen den Fürsten abgeschlossen, etwa zwischen dem Bischof von Bamberg und dem hohenzollernschen Burggrafen von Nürnberg, dahingehend, daß sie sich in die Beute teilen würden, wenn die Juden aus dem Gebiet des einen in das des anderen fliehen würden. Im übrigen war es, wie Max Weber gleichfalls (S. 234) festgestellt, nicht eine Eigentümlichkeit der Juden, daß sie Zins nahmen: „Zins ist in der ganzen Welt genommen worden, z. B. auch von mittelalterlichen Klöstern", sondern das für die abendländischen Völker Auffallende und Anstößige war, „daß die Juden zwar von Christen Zins nahmen, aber nicht untereinander". Wieder ein Fall des Gegensatzes von Binnen- und Außenmoral. Daß unter den Bedingungen so ungeheuerlicher Unsicherheit der Darlehnszins hoch sein mußte, durchschnittlich noch höher, als er auch sonst in jener kredilwirtschaftlich unentfalteten Zeit war, ist selbstverständlich und kann nur von Böswilligen oder Dummköpfen den Darleihern als besonderer sittlicher Makel angerechnet werden. Und geradeso zwang die Juden ihre Lagerung, ihre „Konstellation" dazu, politisch revolutionär zu sein — wobei das Wort revolutionär im allerweitesten Sinne verstanden werden soll als die Tendenz, gegen die bestehende Verfassung zu reagieren. Sie gehören nach der Verfassungs- oder doch der Verwaltungspraxis der Unterklasse an: aber ihr aus dem Handel stammender Reichtum spornt sie ebenso wie ihr altes Herrenblut, die Gleichberechtigung zu erzwingen. Sic sind das, was ich vorgeschlagen habe, als eine „Übergangsklasse" zu bezeichnen; das ist eine Schicht, die von unten her mehr empfängt, als sie leistet, und nach oben hin mehr leistet, als sie empfängt Solche Übergangsklassen haben sich nun überall in der Welt an die Spitze des armen Teils der Unterklasse gesetzt, um eine beiden Teilen ungünstige Verfassung zu stürzen, oder wenistens günstig zu verändern; das berühmteste Beispiel sind die reichen römischen Plebejer gewesen. Derart ist es wieder kraft eines soziologischen Gesetzes, daß die Juden überall mit in der Vorkämpfergruppe gegen den feudalabsolutistischen Staat standen und stehen. Nun sind den Agrar-Adligen die Kaufleute der Städte ohnehin verhaßt Hier waltet der uralte Gegensatz der beiden Schichten, die bei der Entstehung des Staates den Hammer und den Amboß darstellten. Der Mann der Gewalt und des Schwerts haßt und verachtet den Mann der Arbeit und des Tauschs, der Vertreter des politischen den des ökonomischen Mittels. Dieser Haß richtet sich mit besonderer Schärfe 157

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