Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 1 (1925-1926)
- Issue
- Heft 2 (Juni 1925)
- Article
- Der Antisemitismus im Lichte der Soziologie
- Date
- 1925-06-01
- Page
- 158 (sequence 11)
- Language
- German
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Franz Oppenheimer fremdes Land mit unbekannten Verhältnissen. Das schwächt die Kraft des Traditionalismus, der alle Initiative lähmt, zerbricht die "Stetigkeit" und beflügelt alle Kräfte des „Kulturwandels". Der Jude stand ursprünglich dem Traditionalismus seiner Umgebung überhaupt fern. Er hatte seine eigene Tradition, seine eigenen Gruppen-Imperative und war daher immer dafür frei, sich neue Wege zu öffnen. Und daher fällt er, namentlich in sehr stabilen Verhältnissen, überall unangenehm auf. So lange ein junges Agrarvolk noch keinen eigenen Stand von Handwerkern und Kaufleuten entwickelt hat, ist der Jude willkommen und sogar unentbehrlich: man kennt das Judenstatut der Bischofsstadt Speier, in dem der Bischof sich rühmt, die Juden hereingezogen zu haben, um den Reichtum und das Ansehen der Stadt zu erhöhen. Wenn sich aber an ihrem Muster ein Stamm christlicher Händler und Handwerker herangebildet hat, wenn die Verhaltnisse sich konsolidiert haben, und namentlich seit Beginn der Neuzeit, sobald der dritte Stand des aufkommenden Kapitalismus sich bildet, der von vornherein scharf nationalistisch eingestellt ist und sich mit dem absoluten Nationalstaat verbündet: dann ergibt sich die Konkurrenz der Christen gegen die Fremden und kleidet sich nach dem einleitend dargestellten Hauptgesetz aller Sozialpsychologie gutgläubig in das Gewand des Religions- und später des Rassenhasses. Max Weber (S. 193) schreibt klipp und klar: „DieserKampf gegen Juden und andere Fremdvölker, Kaverschen (Kaufleute aus Cahors), Lombarder. und Syrer ist ein Symptom für die Entstehung eines nationalen Händlertums". Es ist ein Teil des Kampfes um das Monopol des städtischen Marktes, der sich auf der anderen Seite gegen die auf dem Lande lebenden Kaufleute richtet (Es ist überhaupt heute vollkommen anerkannt, daß aller Nationalismus in seinem modernen aggressiven Sinne, wohl zu unterscheiden von dem guten Nationalbewußtsein, eine Erscheinung der bürgerlich-kapitalistischen Psychologie ist) Dann, wenn sie ihres Reichtums und der einst so glänzenden Stellung beraubt sind, wie namentlich in Polen und Rußland, dann müssen die Verarmten erst recht wieder die Pionierpsychologie entfalten, müssen als wirtschaftliche Revolutionäre in alle Spalten des Baues einzudringen, mit neuen Methoden sich durchzusetzen imstande sein. Und wenn ihnen eine Machiavellistische Fürstenpraxis keinen anderen Weg läßt als den des Wuchers, so müssen sie die Instrumente dieser „Schwamm-Politik" werden, wie Max Weber (S. 237) es nennt: „der Ausbeutung der Bevölkerung durch den Judenzins mit in unregelmäßigen Zeitabständen erfolgender Konfiskation des Gewinns und der Außenstände unter gleichzeitiger Ausweisung der jüdischen Gläubiger". Auf diese 156