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Der Morgen · 1925-06-01 · Heft 2 (Juni 1925) · p. 157

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
1 (1925-1926)
Issue
Heft 2 (Juni 1925)
Article
Der Antisemitismus im Lichte der Soziologie
Date
1925-06-01
Page
157 (sequence 10)
Language
German
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Der Antisemitismus im Lichte der Soziologie Roscher in seiner Politik (2. Auflage S. 124) und Max Weber in seiner prachtvollen Wirtschaftsgeschichte (S. 3o5) bezeichnen die Juden als ein Pariavolk. Und das mag richtig sein für die äußere Gestaltung ihres Lebens, ist aber unrichtig im Entscheidenden, nämlich in der psychischen Einstellung der Betroffenen selbst Die Juden haben sich selbst niemals als Pariavolk betrachtet Im Gegenteil! Alle Völker betrachten sich als auserwählt, und bei den Juden ist diese Selbsteinschätzung noch ungeheuer verstärkt worden durch den Umstand, daß ihr eigenes Heiliges Buch, auf das sie den großen Anspruch begründeten, auch vom Abendlande als der eine Teil der göttlichen Offenbarung anerkannt war. Das hat in ihnen den Geist der Auflehnung gegen den auf sie ausgeübten Druck umso stärker gespannt, als sie allein unter den Europäern das alte Testament mit seinen tief revolutionären prophetischen Büchern als tägliche Geistesnahrung gebrauchten (den christlichen Laien war es bekanntlich versperrt). Das wird verstärkt durch andere wichtige Momente. Weil sie in dem wesentlich religiös geformten Aufbau der Gesellschaft keinen Platz hatten, weder in der Landwirtschaft, noch im Gewerbe, noch in dem gleichfalls zünftig organisierten städtischen Handel, bleibt ihnen die Möglichkeit wirtschaftlicher Existenz nur in den Fugen dieses Auf baus: im Fern- und Hausierhandel, im Wechsler- und Bankiergewerbe, in Pfandleihe und Wucher — und in denjenigen Zweigen der Gelehrsamkeit, in denen man damals eine Existenz erweiben konnte, als Ärzte, Astrologen usw. Alles das band sie notwendig an die Stadt Nun ist, auch das ist ein durchgehendes soziologisches Gesetz, der Städter aus vielen Gründen immer viel mehr neuerungsbegierig als der Bauer, und der Händler ist es wieder mehr als der Handwerker, und der Fernkaufmann und Hausierer mehr als der festsitzende Höker oder Ladner, der an seiner Schollehaftet Und so mußten die Juden in ihrer dreifachen Eigenschaft als Städter, Händler und zur Unterklasse herabgedrückte ehemalige Herrenklasse in dreifacher Weise gegen das Bestehende gestimmt sein. Erstens wirtschaftlich: Sie müssen, um bestehen zu können, in das feste Gefüge des mittelalterlichen Wirtschaftsbaues, in dem jeden seine Stellung und seine „Nahrung" angewiesen sind, als Störer eindringen; sie müssen neue Methoden der Konkurrenz, der Erzeugung, des Handels erfinden. Sie sind, wo immer sie stehen, in Verhältnissen, in denen der Mensch sich heftig rühren muß, um nicht unterzugehen. Sie haben das, was die Soziologie als „Pionier-Psychologie" bezeichnet: die Psychologie der Einwanderer in ein 155

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