Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 1 (1925-1926)
- Issue
- Heft 2 (Juni 1925)
- Article
- Der Antisemitismus im Lichte der Soziologie
- Date
- 1925-06-01
- Page
- 150 (sequence 3)
- Language
- German
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Franz Oppenheimer anderen Gemeinschaften ergeht man sich in Spott, dichtet Neckreime and erfindet Spitznamen. Gegen Fremde herrscht Mißtrauen, gegen seinesgleichen ist man offen und frei." Hier liegt der Keim jener zwiefachen Moral, die Max Weber glücklich als „Binnen- und Außenmoral" unterschieden hat: ein Dualismus, in dem ich geradezu das bewegende Moment des gesamten soziologischen Rhythmus erblicke. Gegenüber den Genossen der eigenen Gruppe folgt daraus, daß man im Verkehr das von mir so genannte ökonomische Mittel verwendet, den Verkehr, heißt das, auf der Grundlage der gegenseitig anerkannten Gleichheit der Rechte, also der Gerechtigkeit im höchsten philosophischen Begriff, die sich politisch in der Zuerkennung gleicher Rechte, wirtschaftlich darin äußert, daß beim Tausch das Gesetz der Äquivalenz als geltend anerkannt wird. Dem Ungenossen gegenüber aber ist das „politische Mittel" sittlich gestattet, d. h. politisch die Ungleichheit des Rechts: Zulässigkeit der Versklavung, der Leibeigenschaft, der Klassenherrschaft, und wirtschaftlich die Inäquivalenz des Tauschs, d. h. das Monopol und die monopolistische Ausbeutung. Jedoch das sind Ausgestaltungen, die erst auf höheren Stufen möglich sind. Dieser Fremdenhaß muß auf primitiven Stufen schon durch starke Kräfte überwunden werden. Dazu gehört die Neugier, die den fremden Händler gastlich aufnimmt, weil er unbekannte neue Dinge bringt und weiß; diese Gastlichkeit wird verstärkt durch die Furcht vor möglichen magischen Zauberkräften des Fremden, die man nicht gegen sich heraufbeschwören will: noch in der Bibel wird geraten, den Fremden gastlich aufzunehmen, weil man nicht wissen könne, ob er nicht ein Engel, d. h. ein Bote Gottes sei (Das Motiv spielt noch im deutschen Märchen von Gott und Petrus eine Rolle, die arm und unbekannt durchs Land wandern, die der Reiche von seiner Tür weist, der Arme aber gastlich aufnimmt) Diese Dinge wirken auch auf höchster Stufe noch kaum geschwächt weiter. Wir haben es ja während des Weltkrieges erlebt, daß die Völker der Entente die Deutschen, als Hunnen oder Boches, als eine viel niedrigere Art von Wesen, als eine Art von Halb- oder Tiermenschen mit wahrem Abscheu gehaßt haben. Und so durchbricht bei jedem akuten oder chronischen Konflikt der primitive Gemeinschaftsgeist die überaus dünne Firnisschicht, die die Zivilisation über ihn gebreitet hat, nicht nur in den akuten Konflikten der großen Kriege, sondern auch in den chronischen Konflikten solcher Gruppen, die auf dem gleichen Territorium unter dem gleichen Gesetz leben, aber verschiedene Sprachen spiechen. So z. B. glauben in Böhmen Deutsche und Tschechen allen Ernstes von 150