Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 1 (1925-1926)
- Issue
- Heft 2 (Juni 1925)
- Article
- Der Antisemitismus im Lichte der Soziologie
- Date
- 1925-06-01
- Page
- 149 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Franz Oppenheimer: Der Antisemitismus im Lichte der Soziologie Soziologe, der sich den Antisemitismus als Untersuchungsobjekt wählt, zu äußeister Behutsamkeit verpflichtet ist, um nicht durch seine persönliche Gleichung, durch die von ihm an und in die Untersuchung eingebrachten Vorurteile, zu Ergebnissen zu gelangen, die der Wahrheit fernliegen. Er kann dieser Gefahr nur dadurch entgehen, daß er das ihm vorliegende sozialpsychologische Phänomen als Sonderfall einer ganzen Gruppe von ähnlichen Phänomenen auffaßt, an denen er seelisch nicht beteiligt ist: nur die allgemeinen Züge wird er mit Vertrauen verwerten dürfen. Der Antisemitismus stellt sich dar als ein Sonderfall einer überaus verbreiteten primitiven gruppenseelischen Tatsache: des Gruppenhasses; er ist eines der gemeinsten, d. h. unseltensten Exemplare der sozialpsychologischen Flora, sozusagen, eine Wald-, Feld- und Wiesenblume. Wir wissen aus der Psychologie der Tiergesellschaften, daß sie nicht nur jedes Stück einer nicht verwandten, sondern sogar jedes Stück der gleichen Art, das aber nicht zu ihrer besonderen Gruppe gehört, von sich stoßen, daß z. B. Ameisen fremde Ameisen und Bienen fremde Bienen, die in ihren Bau oder Stock geraten, töten. Wenigstens ist das die Regel: die Tatsache, daß sich gewisse Ameisenarten Blattläuse als eine Art von Milchvieh, und daß andere Ameisenarten sich Sklaven halten, wird davon nicht berührt Auch die gesellig lebenden höheren Tiere nehmen Gruppenfremde der gleichen Art entweder garnicht oder erst nach Kampf in ihren engeren Kreis auf. Und diesen Instinkt hat der Mensch, der ja von gesellig lebenden Anthropoiden abstammt, übernommen und bis auf den heutigen Tag bewahrt So innig der Zusammenhalt der Mitglieder der gleichen Gruppe auf primitiven Menschheitsstadien ist, so kraftvoll gliedert sie sich gleichzeitig nach außen ab; ein Zustand der Gesellschaft, der nur langsam überwunden wird, zum Teil auf friedlichem Wege durch Handel und Exogamie, zum Teil auf kriegerischem Wege durch Unterwerfung, aus der dauernde engere Beziehungen der beiden Gruppen sich ergeben. Von allem Anfang gilt das, was Naumann in seinen Grundzügen der deutschen Volkskunde (S. 61) von dem „primitiven Genossenschaftsgeist" aussagt, den er heute noch namentlich in der Bauernschaft aller zivilisierten Länder in fast ungebrochener Alleinherrschaft vorfindet: „Er äußert sich in einer starken Überschätzung der eigenen engeren Gemeinschaft . . . infolge dessen auch der eigenen Persönlichkeit, solange sie sich in dem engeren Verbände fühlt Die eigene Gemeinschaft und man selbst ist gut, die Anderen sind schlecht, minderwertig, jedenfalls bedenklich. Die Nächstenliebe erstreckt sich tatsächlich nur auf die Nächsten, gegen die 149 10