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Der Morgen · 1925-06-01 · Heft 2 (Juni 1925) · p. 151

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
1 (1925-1926)
Issue
Heft 2 (Juni 1925)
Article
Der Antisemitismus im Lichte der Soziologie
Date
1925-06-01
Page
151 (sequence 4)
Language
German
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Der Antisemitismus im Lichte der Soziologie einander, sie hatten einen spezifisch unangenehmen Negergeruch. Und doch handelt es sich um die allernächsten Verwandten: Kreuzungen von zwei durch nichts als die Sprache unterscheidbaren Unterklassen der Spielart homo europaeus septentrionalis, und die einzelnen Exemplare, die der Zufall des salischen Gesetzes der Vaterlinie in der Namenführung oder der Zufall der Wahl des Wohnsitzes in das eine oder andere Lager geführt hat, sind sehr häufig Vettern oder gar leibliche Brüder. Ähnlich ist es in Polen und überall in Ländern, wo zwei nahe verwandte aber sprachlich verschiedene Gruppen neben einander hausen. Wie der Gegensatz der Sprache wirkt auch der der Religion entfremdend und haßerregend. Gerade so wie man in Preußen oft hören kann, „die Sachsen seien falsch", geradeso behaupten viele ungebildete Protestanten dies von den Katholiken und umgekehrt Der gleiche religiöse Gegensatz spaltet die völlig rassengleichen Parsi und Moslem Indiens, wie jeder weiß, der seine „Tausend und eine Nacht" gelesen hat Hier erscheinen die Parsi, übrigens wie alle in der Diaspora lebenden kleinen Gruppen, etwa den Quäkern ähnlich, Menschen von besonderer sittlicher Tüchtigkeit, immer als tückische Mörder. Fast der gleiche Haß herrscht zwischen den ebenfalls durchaus rassegleichen indischen Moslem und Hindu; er spaltet in unserer eigenen politischen Sphäre noch heute die evangelischen Masuren und die katholischen Polen, diese und die aufs nächste stammverwandten Ukrainer und Russen, und er bedroht im Augenblick als ein nicht zu überbrückender Gegensatz zwischen den katholischen Kroaten und den ihnen vollkommen stammesgleichen orthodoxen Serben die kaum errungene Einheit des serbo-kroatisch-slovenischen Königreichs. Und wieder die gleiche Psychologie besteht zwischen den verschiedenen einander über- und untergeordneten sozialen Klassen einer nach Abstammung, Sprache und Glauben vollkommen gleichartigen Gesellschaft Hier bestehen Klassentheorien, die so alt sind wie der Staat, & h. wie die Geschichte im eigentlichen Sinne, die ja kaum mehr als Staatengeschichte ist Per Staat ist bekanntlich eine Schöpfung erobernder Gewalt: ein Stamm hat einen anderen unterworfen und sich als Adel über ihn gesetzt, um ihn zu beherrschen und wirtschaftlich auszubeuten. Diese Herrschaft fordert von dem Augenblick an, wo die verschiedene ethnische Abstammung vergessen ist, wo also Sieger und Besiegte eine nach außen hin abgegrenzte Art von Genossenschaft darstellen, eine Rechtfertigung der fortbestehenden Tatsache, daß man den nunmehr in den Kreis der Genossen Aufgenommenen nach wie vor nach dem Gesetzbuch des 151 10-

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