Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 1 (1925-1926)
- Issue
- Heft 2 (Juni 1925)
- Article
- Was trennt und was eint die Konfessionen?
- Date
- 1925-06-01
- Page
- 146 (sequence 10)
- Language
- German
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Heinrich Frick Judentum in seinen verschiedenen Lagern, selbst große Gruppen innerhalb der Freireligiösen, der Freidenker, ja der religiös scheinbar gänzlich uninteressierten Volksgenossen: sie alle hängen durch Erziehung und Bildung zusammen mit der Bibel! Selbst da, wo man bewußt einen solchen Zusammenhang nicht mehr kennt, strömen doch durch die Kanäle unserer Geschichte, unserer Kunst, vor allem unserer Literatur, Kräfte der Bibel uns allen zu. Das bedeutet aber religionsgeschichtlich gesehen eine gewisse, und zwar sehr ausgeprägte erzieherische Beeinflussung- Denn die Bibel ist das wichtigste Dokument derjenigen Art von Frömmigkeit, die man allgemein prophetische oder Offenbarungs- oder Gebetsreligion nennt, und die man mit solchen Worten abheben will von der sogenannten Mystik. Ohne mich in diesem Zusammenhang auf die schwierige Frage einzulassen, was denn das Wesen der Mystik sei, darf ich als allgemeine Oberzeugung feststellen, daß mit diesem biblischen Überlieferungsgut gewisse Kräfte persönlichen- Lebens, aktiver Energie, sozialer Gesinnung, froher Lebensbejahung und eines unerschöpflichen Mutes zu Kampf und Leben zusammenhängen. Die deutsche Geschichte ist nun einmal, man mag es begrüßen oder bedauern, seit dem frühen Mittelalter so eng verwachsen mit der Geschichte dieser biblischen Geistesart, daß man allen Grund hat, einer Lockerung dieser Zusammenhänge entgegenzutreten. Da haben also abermals sämtliche Konfessionen und religiösen Gruppen unter uns eine gemeinsame Aufgabe, die sich nicht etwa bloß in der Erziehung der heranwachsenden Jugend erschöpft, sondern sich auf Unterricht und entsprechende Beeinflussung der Erwachsenen auszudehnen hat Von hier aus ergibt sich der Typus einer zeitgemäßen Form konfessioneller Zusammenarbeit Die Einigung wird nicht auf Kosten der Eigenart erstrebt Umgekehrt wird aber auch nicht die Eigenart auf Kosten der Volksgemeinschaft übertrieben. Vielmehr muß versucht werden, mit dem Grundsatz des Zusammenlebens von Persönlichkeiten Ernst zu machen. Die Kollektivpersönlichkeiten von Konfessionen und Religionen haben, im Dienst des einen Volkes, der einen Menschheit und ihrer eigenen großen Ideale stehend, sich in friedlichem Wettbewerb darum zu bemühen, daß sie aus sich selbst so viel, als nur möglich ist, herausholen, um eben dadurch ihre Kraft zu offenbaren. An die Stelle der Propaganda tritt dann die echte und den Frieden nicht gefährdende Mission! Denn die beste Werbekraft geht aus von der vollkommensten Selbstdarstellung. Nicht überredet oder gezwungen, sondern überzeugt werden 146