Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 1 (1925-1926)
- Issue
- Heft 2 (Juni 1925)
- Article
- Was trennt und was eint die Konfessionen?
- Date
- 1925-06-01
- Page
- 145 (sequence 9)
- Language
- German
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Was trennt und was eint die Konfessionen? sieht beobachten wir heute im fernen Osten ganz das Gleiche wie bei uns selbst. Wir sollten allerdings mehr Mut und auch Glauben an die Religion aufbringen in der Hinsicht, daß wir, etwa dem Beispiel Japans folgend, für bestimmte Fälle die großen religiösen Körperschaften gemeinsam mobilmachten. Wir haben insbesondere im Zusammenleben der Konfessionen in den Vereinigten Staaten Nordamerikas ein Beispiel vor Augen, das geschichtlich und kulturell uns noch viel naher liegt Das einmütige Zusammengehen aller maßgebenden Organisationen und Führer von Konfessionen und Religionen zu bestimmten Feldzügen vermag dort die öffentliche Meinung in ganz unvergleichlich stärkerem Maße zu beeinflussen, als das bei uns bisher der Fall gewesen ist Damit hängt eng zusammen ein zweites, sehr großes Gebiet 2. Es gibt, wie Rudolf Otto sagt, einen Vorhof der Religionen, einen Kreis von öffentlichen Aufgaben, in dem sich ohne die geringste Preisgabe von Selbstbewußtsein und Eigenart die Vertreter verschiedenster Konfessionen zusammenfinden können, das sind die humanitären, insbesondere die sozialen und die pädagogischen Aufgaben, die im gegenwärtigen Deutschland der Lösung harren. Was außerhalb unserer Heimat möglich ist, sollte hier nicht unmöglich sein! Also z. B. gemeinsames Vorgehen zur Regelung des Alkoholausschanks, zum Schutz von Frauen und Kindern, gegen die Ausbeutung von Klassen und Volkssplittern, besonders aber zum Schutz konfessioneller Minderheiten. Die letztere Aufgabe liegt hier ja besonders nahe; denn jede Konfession hat irgendwo in der Welt Anhänger inmitten einer fremden Umgebung, die gegen den ungewollten Druck der öffentlichen Meinung und gegen absichtliche Rechtsverkürzung durch feindselige Behörden zu schützen sind. Es ist ein trauriges, wenn nicht lächerliches Schauspiel, zu beobachten, in wie vielen Fällen Vertreter einer Konfession gleichzeitig.über Unterdrückung ihrer Glaubensgenossen klagen und dabei selbst die Unterdrückung anderer dulden oder sogar fördern. Erst wenn in dieser Hinsicht allgemeiner eingesehen wird, daß wohlverstandenes Eigeninteresse und ideale Beweggründe in diesem Falle sich wirklich decken, wird man zu der so naheliegenden Arbeitsgemeinschaft und zu zwischenkonfessioneller Verständigung den Weg finden. 3. Schließlich sei mit besonderem Bezug auf unsere geistige Eigenart darauf hingewiesen, daß es einen gewissen Grundzug im religiösen und ethischen Charakter gibt, an dem die größeren religiösen Gruppen bei uns noch allesamt Teil haben. Katholizismus und Protestantismus, Kirchen und Sekten, das 145