Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 1 (1925-1926)
- Issue
- Heft 2 (Juni 1925)
- Article
- Was trennt und was eint die Konfessionen?
- Date
- 1925-06-01
- Page
- 144 (sequence 8)
- Language
- German
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Heinrich Frick An diese Stelle gehört auch eine Erinnerang an die Polemik, der das Judentum unter uns ausgesetzt ist Abgesehen von Gründen wirtschaftlicher und anderer Art hat gerade das zerstreute Leben einer eigenartigen Religionsgemeinde inmitten einer religiös ganz anders eingestellten Bevölkerung immer ein Gefühl des Unterschiedes zwischen Juden und Nichtjuden wachgehalten. Weit davon entfernt, eine werbende Kraft auszuüben, war dieses Dasein als Diaspora bis heute immer wieder eine Quelle der Mißverständnisse und Verdächtigungen. Was jetzt unter den städtisch gewordenen Verhältnissen viele Protestanten und Katholiken hier und dort zum ersten Male (in sehr milder Form) erleben: das bedrückende Gefühl, „nicht dazuzugehören", wenn die anderen ringsum feiern, — das hat die Judenschaft seit Jahrhunderten in oft entsetzlicher Weise durchmachen müssen. Daher ihr auch ohne weiteres begreiflich sein muß, daß Bevölkerungsmischung nicht direkt dem konfessionellen Frieden dient, sondern zunächst einmal verstärktes Selbstbewußtsein der einzelnen Gruppen zur Folge hat Nun glaube ich, daß gerade der Einblick in die unverlierbare Eigenart jeder Konfession und Religion dieses Zusammenleben erleichtert Solange man nämlich an diese Gebilde herantritt mit der Forderung, sie sollten das Unterscheidende in den Hintergrund treten lassen, ruft man eine begreifliche Gegenbewegung hervor. Denn jeder bewußt zu seiner Religion und Konfession gehörige Mensch wehrt sich mit Nachdruck dagegen, daß man die ihm teuere Eigenart als unwesentlich beiseite schiebt Handelt man dagegen zwischen den Konfessionen genau so, wie von Mensch zu Mensch, also in voller Achtung vor der Eigenart des andern, dann läßt sich wohl ein Zustand herbeiführen, in dem ohne künstliche Abschwächung oder Verdunkelung des Gegensatzes ein friedlicher Wettbewerb der verschiedenen Körperschaften zum Besten des Ganzen stattfindet In dieser Hinsicht mögen schließlich noch drei Gedankengänge, die mehr in die Praxis weisen, wenigstens angedeutet werden. i. Alle Konfessionen haben eine gemeinsame Front nach außen zu verteidigen: nämlich gegen religiöse Gleichgültigkeit und besonders gegen bewußte Irreligion. Ganz allgemein gesagt: es ist der Glaube an die Kraft des Geistes, der Glaube an die Religion selbst, der sie zusammenführt, ganz besonders unter Verhältnissen, wie sie sich mit der zunehmenden Industrialisierung der städtischen Bevölkerung immer mehr entwickeln. In dieser Hin- 144