Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 1 (1925-1926)
- Issue
- Heft 2 (Juni 1925)
- Article
- Was trennt und was eint die Konfessionen?
- Date
- 1925-06-01
- Page
- 143 (sequence 7)
- Language
- German
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Was trennt und was eint die Konfessionen? tragen! Also darf man jetzt nicht mehr katholisch und evangelisch so miteinander vergleichen, daß man i4 Sätze Übereinstimmung und einen Satz oder mehrere Sätze Zwiespalt feststellt Man darf auch nicht mehr davon redeD, daß die Konfessionen und Religionen im Kern einig und nur in der Schale unterschieden wären. Vielmehr herrscht mehr oder weniger deutlich das Gefühl vor, daß jede geschichtliche Erscheinung ein Lebewesen von eigentümlicher Art ist, das wohl an dieser und jener Stelle einem andern Lebewesen ähneln oder gleichen kann, das aber niemals auf seine Individualität verzichten darf. Schroff ausgedrückt: früher konnte man den Gegensatz so zu schildern wagen, daß Konfessionen und Religionen im Wesentlichen eins und nur in peripherischen Dingen verschieden seien, heute sind die maßgebenden Vertreter von Konfessionen und Religionen der entgegengesetzten Meinung: daß im Wesentlichen Verschiedenheit und nur in nebensächlichen Dingen Übereinstimmung vorliege. Erst von hier aus wird auch verständlich, daß die Bevölkerungsmischung, die seit einem halben Jahrhundert in Deutschland eingetreten ist, nicht, wie man anfangs erwartete, zur Befriedung der konfessionellen Unterschiede, sondern im Gegenteil zu einer Verschärfung derselben geführt hat. Man erinnere sich hier eines ähnlichen Vorgangs zwischen den Völkern! Als vor 100 Jahren der Weltverkehr seinen großen Aufschwung nahm, träumten viele von einer nahen Zukunft, da infolge des allgemeinen Austauschs an Menschen und Waren die Gegensätze stark herabgemindert würden. Wir haben erschreckend an uns selbst erlebt, daß das genaue Gegenteil davon eintrat Je mehr die Völker miteinander in Verbindung traten, desto leidenschaftlicher erwachte ihr Selbstbewußtsein. Es scheint sich hier ein biologisches Gesetz zu bestätigen, wonach Lebewesen, die in Gefahr sind, abgeschliffen zu werden, eine äußerste Kraftanstrengung machen, um sich ihre Eigenart zu retten. Ebenso ist es auch in unseren rasch anwachsenden Städten gegangen. Während vorher die Konfessionen örtlich getrennt voneinander lebten, sehen wir sie heute in den Städten und in den von der Stadt her beeinflußten Landbezirken am selben Platz neben- und miteinander leben. Da ist es verständlich, daß (auch abgesehen von der absichtlichen Betonung des Unterschiedes durch die konfessionellen Führer) allein schon im täglichen Sich-Beobachten die Unterschiede bewußter hervortreten mußten. Umso nötiger ist es jetzt, diese Dinge zu sehen, wie sie sind, damit ein Weg gefunden wird, der unter den erschwerten Verhältnissen das Zusammenleben und damit den inneren Frieden unseres Volkes fördert 143