Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 1 (1925-1926)
- Issue
- Heft 2 (Juni 1925)
- Article
- Was trennt und was eint die Konfessionen?
- Date
- 1925-06-01
- Page
- 142 (sequence 6)
- Language
- German
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Heinrich Frick Konfession und einer anderen so aufzufassen, -wie wenn es sich bloß um ein mehr oder weniger von Lehrsätzen handele. Er wird der Überzeugung sein, daß der Gegensatz tiefer und umfassender ist Selbst ein Zinzendorf und ein Lessing, die doch ihrerseits Gegensätze überbrücken wollten, haben bereits eine vertiefte, damit aber auch verschärfte Anschauung vom Wesen dieser Gegensätze. Wenn nämlich Zinzendorf die drei Tropen auffaßt als Weisen desselben einen Protestantismus, und wenn Lessing die Echtheit des Ringes erprobt werden läßt durch den Tatbeweis, den eine Religion erbringt, so sind dabei beide der Meinung, daß „Konfession" sich zu „Religion" verhalte wie die Schale zum Kern. So wie man zum Kern einer Frucht immer nur durch die Schale hindurch gelangt, ebenso kann man evangelisch oder religiös sein wollen nur im Gewand einer bestimmten Konfession oder einer bestimmten Religion. Die Toleranz bedeutet also hier nicht, daß man das Gewand ablegt, sondern nur, daß man der Überzeugung ist, hinter jeder Schale verberge sich ein Kern von gleicher Art Auch das ist ein Gedanke, der heute nicht mehr auf die Zustimmung maßgebender Kreise rechnen darf. Denn führende Theologen in allen Lagern haben diese Vorstellung aufgegeben. Sie suchen nicht mehr nach dem einen Wesenskern, um dann gewissermaßen über die gleichgültigen Schalen hinwegzusehen. Auch die Arbeit Rudolf Otto's lehnt einen solchen Gedankengang ausdrücklich ab. Wir sind vielmehr auf einer dritten Stufe in der Entwicklung der konfessionellen Frage angelangt Sie ist am raschesten und besten gekennzeichnet durch eine Erinnerung an Schleiermacher. Seitdem unter dem Einfluß der Romantik der Blick geschärft worden ist für organisches Leben und die Eigenart der Individuen, hat man auch die Vorgänge im Gemeinschaftsleben anders anzusehen gelernt Die Geschichtswissenschaft im 19. Jahrhundert beruht zu einem Teil darauf, daß das Prinzip der Persönlichkeit übertragen wurde auf menschliche Gemeinschaften. Völker und Religionen sind dabei zu Kollektiv-Persönlichkeiten geworden, die nicht nur ihr eigenes Antlitz, sondern auch ihre eigene Seele und ihre eigenen Wachstumsgesetze haben: eine „Physiognomie", die sich in der geringsten Kleinigkeit ausprägt Es sei erinnert an Goethe's Ausdruck: „geprägte Form, die lebend sich entwickelt". Seitdem wehren sich die Völker ebenso wie die Konfessionen dagegen, daß man irgend ein Stück von ihnen als besonders herausgreift und andere Stücke einfach in eins setzt mit dem Leben verwandter Kollektiv-Persönlichkeiten. Vielmehr soll alles, auch das Nebensächlichste den Stempel der Eigenart 142