Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 1 (1925-1926)
- Issue
- Heft 2 (Juni 1925)
- Article
- Was trennt und was eint die Konfessionen?
- Date
- 1925-06-01
- Page
- 141 (sequence 5)
- Language
- German
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Was trennt und was eint die Konfessionen? und Förderer echter Toleranz gewesen. Schließlich haben neueste Religionsgeschichte und Religionspsychologie nicht bloß gemeinsames jüdisch-christliches Interesse am Ribelbuch wachgehalten, sondern Einblick in eine gewisse Artverwandtschaft mancher jüdischer und mancher christlicher Religionsströmungen aufgedeckt Damit ist die jüdische „Konfession" auch im Gedankenbau zahlreicher führender Menschen als Konfession unter Konfessionen eingeordnet worden, was bald mehr der vorhandenen Praxis entspricht, bald auch mehr neue Praxis eröffnet Und immer laufen Erscheinungen dieser Art hinaus auf Toleranz. Soweit betrachtet, sieht die Geschichte der konfessionellen Frage wie ein einziger großer Fortschritt zum Sieg der Toleranz aus. Aber es wäre verkehrt, nur das sehen zu wollen, ebenso verkehrt wie es ist, etwa an den Gedanken Rudolf Otto's nur diese Seite ins Auge zu fassen, da doch derselbe Theologe aufs Allerentschiedenste die Eigenart des Christentums, ja sogar die Besonderheit evangelischer Frömmigkeit hervorhebt Wie ist das möglich? Verborgen hinter der äußeren Geschichte läuft eine innere Geschichte her. Man darf sagen: eine Geschichte der Verschärfung und der Ausdehnung des konfessionellen Gegensatzes! Sie vollzieht sich in drei Stufen. Zunächst bestand der Unterschied evangelisch-katholisch nach außen hin fast nur quantitativ. Wir sagten schon, daß i52Q in Marburg über i4 Punkte zwischen Lutherischen und Reformierten Einigkeit erzielt wurde, während der i5. Streitpunkt ungelöst blieb. Wir fügen hinzu, daß i53o das Augsburger Bekenntnis zunächst (der Zahl nach weit über die Hälfte) nur solche Artikel bringt, in denen das Gemeinsame zwischen römischer und lutherischer Konfession vorgetragen wird. Erst die letzten Augsburger Artikel arbeiten das besonders Protestantische heraus. Diese Beispiele ließen sich vermehren. Die meisten Theologen jener Zeit, selbst Melanchthon, versuchen immer wieder einmal, sich mit römischen Theologen soweit zu verständigen, daß eine lange Reihe von Sätzen über gemeinsamen Besitz aufgestellt und der Streil auf wenige Punkte beschränkt wurde. Also glaubte man damals weithin, es sei nur ein Unterschied im Mehr oder Minder dessen, was gelehrt werden solle, wodurch sich die Konfessionen unterschieden. Der Gegensatz konnte also noch quantitativ aufgefaßt werden. Wer die heutige Lage auch nur flüchtig überschaut, wird zugeben, daß derartige Verständigungsversuche unter uns ganz unmöglich geworden sind. Denn kein ernsthafter Theologe in irgend einem konfessionellen Lager wird geneigt sein, den Unterschied zwischen seiner 141