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Der Morgen · 1925-06-01 · Heft 2 (Juni 1925) · p. 139

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
1 (1925-1926)
Issue
Heft 2 (Juni 1925)
Article
Was trennt und was eint die Konfessionen?
Date
1925-06-01
Page
139 (sequence 3)
Language
German
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Was trennt und was eint die Konfessionen? hundert derartige Beschlüsse immer nur auf Reichsstände, also allein auf die Obrigkeit! Erst das 18. Jahrhundert bricht dem Individuum die Bahn. Wie die Mitte dieses Jahrhunderts überhaupt für unsere Geistesgeschichte einen tiefen Einschnitt bedeutet, so in unserem Fall ganz besonders. Als Kräfte des Einzelmenschen regen sich im 18. Jahrhundert Intellekt und Gefühl. Pietistische Erlebnisreligion und rationalistische A uf klär ungsreligion empören sich gegen die allzu strenge Bindung des Individuums durch die Gemeinschaft War bisher das Wort „Konfession" Ausdruck für eine Schrift, in der Lehrartikel aufgezeichnet stehen (z. B. Augsburger Konfession), so bekommt es jetzt den Klang, den es nochin unseren Ohren hat: Konfession ist „Bekenntnis", Herzensbekenntnis oder Gesinnungsbekenntnis. Damit aber ergibt sich fast von selbst die Forderung allgemeiner Toleranz; denn keiner kann für sich ein Recht beanspruchen, das er nicht gleichzeitig jedem anderen Mitmenschen zugesteht So ist es begreiflich, daß damals die ersten grundsätzlichen Überwindungen der konfessionellen Gegensätze geschehen. Aus pietistischer Erlebnisreligion heraus trägt Graf Zinzendorf, der Stifter der Brüdergemeinde, seine sogenannte Tropenlehre vor, eine Auffassung, wonach lutherisch, reformiert und bömisch nur drei Tropen (Weisen) derselben einen christlichen Religion seien. Diese drei Weisen leben in der Brüdergemeinde gleichberechtigt miteinander. Aus rationalistischer Aufklärungsreligion heraus erzählt Lessing in seinem „Nathan" die alte Parabel von den drei Ringen, wobei für die Praxis genau wie bei Zinzendorf dasselbe herauskommt: wir haben die Konfessionen als untereinander gleichberechtigt zu betrachten. Die tatsächliche rechtliche Garantie der konfessionellen Freiheit ist dann im Zusammenhang mit der französischen Revolution in Europa weithin gewonnen worden. Sie geht ursprünglich zurück auf amerikanische Vorgänge, insbesondere auf Gedanken in den neu-englischen Sektenkreisen. Die Auswanderer aus Alt-England, die großenteils dadurch der Staatskirche zu entrinnen strebten, proklamierten in ihrem neuen Vaterland sofort mit Erfolg den Grundsatz persönlicher konfessioneller Freiheit So sehen wir dann im 19. Jahrhundert allgemein konfessionelle Toleranz für den einzelnen Menschen in zunehmendem Maße in die öffentliche Gesetzgebung eindringen und erleben in der Gegenwart die letzte überhaupt mögliche Erweiterung dieses Gedankens. Denn heute gilt in der Idee dieses Prinzip für jede Religion überhaupt, sodaß vielfach im Sprachgebrauch die Worte „Kon- 139

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