Mannheim
Compact Memory

Der Morgen · 1925-04-01 · Heft 1 (April 1925) · p. 128

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
1 (1925-1926)
Issue
Heft 1 (April 1925)
Article
[Rezension]
Date
1925-04-01
Page
128 (sequence 3)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
92% known words query
IRI
…/2895450-2895451-2895453-2895747--00150-2895894
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Besprechungen ist, wie Scheler in seiner Soziologie des Wissens zu zeigen sucht, eine eigne Form des „Wissens", neben und außer den „positiven" Wissenschaften; und — gleichfalls ein Resultat der soziologischen Untersuchung — eine Hauptgefahr des heutigen Geisteslebens ist die Untergrabung der Metaphysik durch das Zusammenwirken der das eigene Suchen auf dem Gebiet des Absoluten unterbindenden und verbietenden Kirchen und des positivistischen, das Suchen auf durch Beobachtung und Experiment beantwortbare Einzelfragen beschränkenden Wissenschaftsideals. Mit alledem soll nichts gegen Schelers Behauptungen gesagt, sondern nur darauf hingewiesen werden, wie sehr ein bestimmter philosophischer Standpunkt hinter dieser Soziologie steht. Scheler unterscheidet Real- und Kultursoziologie. Die letzte hat es zu tun mit dem geistig bedingten und auf ideelle Ziele gerichteten Verhalten und Tun des Menschen nach seinen soziologischen Determinationen, während die „Realsoziologie" die vorwiegend durch Triebe bedingten und auf reale Veränderung von Wirklichkeiten gerichteten Handlungen, Wertungen, Verhaltungsweisen untersucht. Wirtschaft und Staat sind der Hauptgegenstand der Realsoziologie, Wissenschaft. Kunst, Religion der Kultursoziologie, zu der damit auch die Soziologie des Wissens gehört. Die eine ruht auf einer allgemeinen Trieblehre, die andere auf einer allgemeinen Geistlehre. Beide aber, Trieb und Geist, stehen nun nicht beziehungslos nebeneinander, sondern sie müssen zusammen wirken, wenn irgend ein geistiger Faktor wirksam oder Wirklichkeit werden soll. Es ist ebenso falsch, die Entwicklung im Mythos, in der Religion, der Metaphysik, der Wissenschaft, der Kunst, der Sitte, dem Recht usw. rein aus der sinnlogischen Entfaltung, dem inneren notwendigen Fortschritt dieser geistigen Gebilde selbst zu erklären, wie umgekehrt im Sinn des Geschichtsmaterialismus oder auch der extremen Rassentheorie jene Gebilde ihrem sachlichen Inhalt nach für bloße Funktionen physiologischer, politischer oder ökonomischer Faktoren zu erklären. Ethos und Logos haben ihre eigene Sinnentfaltung, aber das System der Ideen ist stets viel reicher und umfassender als das, was von ihm wirklich wird im zeitlichen Ablauf des wissenschaftlichen, staatlichen, religiösen Lebens. Was hier wirklich wird, Widerhall findet oder latent bleibt, das hängt von den „Realfaktoren" ab, die danach gar keine schöpferische, aber eine „Schleusen öffnende und schließende" Bedeutung in der Soziologie des Geisteslebens haben. „Wo Ideen keine Kräfte, Interessen, Leidenschaften, Triebe und deren in Institutionen verobjektivierte „Betriebe" finden, da sind sie, was immer ihr geistiger Eigenwert sei, realgeschichtlich völlig bedeutungslos." „Aber ebensowenig bestimmen die realgeschichtlichen Abfolgen den Sinn- und Wertgehalt der geistigen Kultur in eindeutiger Weise. Sie enthemmen, beschränken, und hemmen nur die Auswirkung der geistigen Potenzen." Nachdem so die Frage, inwieweit und in welcher Weise die Geschichte der Menschheit Ideengeschichte ist oder sein kann, eine prinzipielle Beantwortung gefunden hat, folgt die weitere Frage, welche von den unentbehrlichen „Realfaktoren" ' denn nun die maßgebende Rolle spielen. Der Rassennativismus macht die angeborenen Eigenschaften der Rassen verantwortlich, sieht also das Blut als ausschlaggebende Ursache an; der „Politismus" erblickt in der Geschichte ein Auf und Ab des Machtkampfes der Staaten, macht also die Macht- und Unterwerfungstriebe einzelner Persönlichkeilen oder ganzer Schichten zu den Dirigenten des Verlaufs, der Ökonomismus, die „materialistische" Geschichtsauffassung, nimmt die ökonomischen Verhältnisse als Primärfaktoren an. Scheler selbst entscheidet sich dahin, daß alle drei Faktoren wirksam seien, jedoch mcht zugleich und in Konkurrenz miteinander, sondern in bestimmter Reihenfolge sich ablösend. Die Geschichte beginnt mit matriarchalisch organisierten Geschlechtsverbänden und damit mit einer Wirtschaft, einer Gesellschaftsordnung, einem Mythos, aus denen vor allem die Stimme des Blutes spricht. Aus dem Geschlechtsverband erst entwickelt sich der. Staat auf dem Wege einer dauernd werdenden Kriegshäuptlingsschaft und ihrer Jungmännergefolgschaft; indem er die Geschlechtsverbände durchbricht, treten die politischen Machttriebe an die Stelle der Triebe der Rassengemeinschaft. Die Staaten mit ihrer wesentlich politischen Schichtung der Organisation gehen in die Wirtschaftskörper über mit der Herrschaft des Besitzes und des Erwerbstriebes, es beginnt das „ökonomische Zeitalter." Von Seiten der materialistischen Geschichtsauffassung liegt der Einwand nähe, ob denn nicht der Übergang von der Gentilzur Staatsverfassung etwa oder der vom Matriarchat zum Patriarchat 128

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.