Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 1 (1925-1926)
- Issue
- Heft 1 (April 1925)
- Article
- [Rezension]
- Date
- 1925-04-01
- Page
- 129 (sequence 4)
- Language
- German
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Besprechungen durch die Fortbildung der ökonomischen "Verhältnisse, das Wort im weiteren Sinne genommen, d. h. durch Differenzierung der wirtschaftlichen Aufgaben und dadurch bedingte Arbeitsteilung verursacht ist. Ist es der Krieger und das Erwachen des kriegerischen Instinkts, das die kriegführenden Völker, die Häuptlinge und ihr Gefolge und weiter den Staat schafft — oder ist es nicht vielmehr die Notwendigkeit, sich zu verteidigen oder neue Weideplätze zu erobern, die die kriegerischen Instinkte weckt, bezw. die Menschen, die solcher Triebe fähig sind,, zu einer unentbehrlichen und herrschenden Kaste aufsteigen läßt? Ist es der „Besitztrieb", der die Herden schafft, oder gibt es nicht vielmehr erst für den Besitztrieb eine Möglichkeit, in Aktion zu treten, seitdem die Erfindung der Tierzähmung und -Züchtung (wie jede wirkliche Erfindung, d. h. jede Erfindung eines wirklich Neuen, vom Reibfeuer bis zu den das „kapitalistische" Zeitalter, das Zeitalter der „mechanischen'* Naturauffassung und des maschinellen Wirtschaftsbetriebs einleitenden Erfindungen des Kompasses, des Pulvers und der Dampfmaschine zu einem wesentlichen Punkt ein Werk des Zufalls) die Herde und ihren Wächter und Mehrer geschaffen hatte? Schafft sich der „Machttrieb"" seine Organe, d. h. seine Besitztümer an Waffen, an Menschen, an magischen und technischen Mitteln, ohne die der Machthungrige doch höchstens als Hypnotiseur seinem Triebe fröhnen könnte, oder ist es dieser Besitz erst, der, um Schelers Ausdruck zu gebrauchen, dem Machttrieb „die Schleusen öffnet"? Scheler beantwortet diese Fragen anders, als die materialistische Geschichtsbetrachtung. Er sieht in der Aufeinanderfolge der den Geschlechtsverband zusammenhaltenden Triebe, der Macht- und Unterwerfungstriebe, der ökonomischen Triebe eine letzte Tatsache, die empirisch-geschichtlich erhärtet wird, außerdem aber durch eine Wesenslehre der Triebe und ihrer Entwicklung theoretisch verankert wird. Ich gestehe, daß ich dieser, (wie jeder anderen) Wesenslehre sehr skeptisch gegenüberstehe, ohne damit der Lehre vom Primat der ökonomischen Verhältnisse apriorische Gültigkeit zusprechen zu wollen. Ein Verfahren, das die verschiedenen Theorien einfach einmal der empirischen Forschung zu Grunde legt, um zu sehen, wie weit man mit ihnen kommt, wo man zum einen Faktor greifen kann, wo man beim andern Faktor stehen bleiben muß. nennt Scheler abfällig wissenschaftlichen Opportunismus; mir scheint, um im Bilde zu bleiben, dieser Opportunismus der Arbeitshypothesen auch für die Soziologie angemessener., als eine Diktatur der Wesensgesetze. Noch ein letzter Punkt. Das theoretische Weltbild einerseits, die ökonomischen, politischen, sozialen Verhältnisse andererseits in einer bestimmten Periode stehen nach Scheler nicht im Verhältnis von Ursache und Wirkung zu einander, aber vermöge ihrer beiderseitigen Abhängigkeit von den Realfaktoren der Triebe zeigen sie Struktur- oder Stilverwandtschaften, deren descriptive Herausarbeitung ihm eine wichtige Aufgabe der Soziologie ist. Scheler nähert sich hier Spengler, wie für Spengler ist für ihn der künstlerische, wissenschaftliche, gesellschaftliche Stil Ausdruck der „Seele" einer Zeil oder Kultur, er spricht von den „Tiefgesamtwandlungen" der Seele, (entsprechend offenbar den erwähnten Wandlungen der Triebe), die sich in Stilwandlungen verraten. Ausdruck also, nicht Mittel, zu denen uns neue Interessen und Zwecke greifen lassen, sind die Denk- und Fühlweisen eurer Zeit, Ausdrucksbewegungen gewissermaßen, nicht bewußte oder unbewußte Zweckhandlungen. Hier tut sich wieder ein charakteristischer Gegensatz zwischen Scheler und der ökonomischen Ge-. Schichtsbetrachtung auf, der vielleicht bis tief in die Individualpsychologie reicht. Ohne auch hier dem Geschichtsmaterialismus schlechthin zustimmen zu wollen, muß ich doch sagen, daß die Schelersche (und Spenglersche) Idee mit ihrem Suchen und selbstverständlich auch Finden von Stilverwandtschaften zu recht gewagten Vergleichen und Behauptungen führt. — Bei allen diesen Einwänden braucht kaum besonders betont zu werden, daß Schelers Abhandlung äußerst anregend ist und eine Fülle feiner Bemerkungen enthält. — Bedauerlich ist die große Zahl der Druckfehler des sonst so gut ausgestatteten Buches, die an zwei Stellen direkt sinnzerstörend wirken. Auch die öfter wiederkehrende „Methaphysik" und „peripathetische" Schule macht kein Vergnügen. E. von Aster. 129 9