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Der Morgen · 1925-04-01 · Heft 1 (April 1925) · p. 127

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Journal
Der Morgen
Volume
1 (1925-1926)
Issue
Heft 1 (April 1925)
Article
[Rezension]
Date
1925-04-01
Page
127 (sequence 2)
Language
German
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Besprechungen sophischen Standpunkt des Betrachters durchschimmern läßt — gerade der Unterschied dieser beiden Abhandlungen läßt das erkennen. — Neben der scharfsinnigen Arbeit Mittenzweys („Zur Soziologie der psychoanalytischen Erkenntnis"), die eigentlich trotz der Versicherung des Verfassers, über die Wahrheit oder Falschheit der psychoanalytischen Doktrin solle nichts gesagt sein, eine scharfe Kritik der Psychoanalyse impliziert, steht die recht belanglose Apologetik der Steiner'schen Anthroposophie von W.J. Stein. Mittenzwey geht von der Überzeugung aus, daß das Wesentliche der psychoanalytischen „Heilung* auf der Bindung des Patienten an den Arzt beruhe, nicht auf der Hebung der verdrängten Affekte, diese Bindung schärft ihm den Blick für die Eigenart der psychoanalytischen Zirkel und ihre Wirkung, also für das „soziologisch Bedingte' in der Psychoanalyse überhaupt; Stein, der überzeugte Anthroposoph, behauptet kurzweg: „einen Kreis am Steiner gibt es nicht, höchstens die organisierte Gegnerschaft, die einen festen Ring bildet." Auch hier ist eben doch die Wahrheitsfrage und die Frage nach der sozialen Bedingtheit nicht streng zu scheiden, wer von der Wahrheit einer Lehre durchdrungen ist, wird der Frage ihrer sozialen Bedingtheit stets anders gegenüber stehen, als der Zweifler oder Gegner. — Neben der klaren Darstellung der indischen Kreise von Lore Spindler und der von feinsinniger Einführungsfähigkeit getragenen Charakteristik der Aristotelischen Schulgemeindschaft von Landsberg (einer Ergänzung von des Verfassers schönem Buch über die Platonische Akademie) wirkt Honigheims Darstellung der Scholastik und Mystik schematisierend und nicht in die Tiefe dringend. Es ist der Schematismus, zu dem es leicht führt, wenn man der Soziologie die Aufgabe stellt, in allen Erscheinungsformen der Kultur einer dazu reichlich weit gefaßten Periode eine irgendwie geartete „Strukturidentität' nachzuweisen. (Anders steht es mit desselben Verfassers Charakteristik gegenwärtiger sozialer Kreise und Bewegungen, wie der Jugendbewegung. Hier schöpft er aus dem Leben und man merkt seiner Darstellung und seinem Urteil, auch wo es vielleicht persönlich gefärbt ist, die innere "Vertrautheit mit dem Gegenstande an.) An dem Beitrag von Stoltenberg schließlich („Kundnehmen und Kundgeben") kann man sehen, wie ein solcher Schematismus ganz dazu führen kann, daß aus der Wissenschaft eine klassifizierende Terminologie wird, die hier noch dazu von einer unglücklichen Liebe zur deutschen Sprache getragen ist. Am bedeutendsten und interessantesten ist unzweifelhaft die Abhandlung Schelers. Sie zeigt in charakteristischer Weise alle Vorzüge und Schattenseiten der Schelerschen Werke. Man staunt einerseits über die außerordentliche Belesenheit des Verfassers, die übergroße Fülle der zitierten Schriften, der Literatur zu allen Gebieten und Problemen der Soziologie, noch mehr aber fast über die Fülle der von Scheler selbst verfaßten oder als demnächst erscheinend in Aussicht gestellten Schriften und über seine Fähigkeit, die Ergebnisse der Literatur in sein eigenes System hineinzuarbeiten, bezw. für dasselbe zu verwerten. Die Gefahr ist nur, daß durch die ungemein gewandte und eindringliche Darstellung leicht der Anschein entsteht, als sei hier in ' der Tat schlechthin das Fazit der gegenwärtigen soziologischen Forschung überhaupt gezogen, das System gefunden, nach dem Tatsachen- und „Wesens"forschung von selbst konvergieren. In der Tat aber ist das, was Scheler bietet, ein Stück oder ein Baustein seiner Metaphysik, sehr persönlich, freilich zugleich höchst aktuell mit instinktivem Verständnis und Gefühl für geistige Gegenwartsströmungen. Schelers Soziologie ist selbst ein charakteristisches Produkt des geistigen Lebens der Gegenwart — ein soziologisches Phänomen, dem man, wie die Sphinx dem Mephistopheles, seine eigene Natur als Rätsel aufgeben möchte. Man beachte, wie die Polemik gegen den metaphysikfeindlichen „Historismus", die sich zu einem wesentlichen Teil durch Schelers Abhandlung hindurchzieht, gipfelt in der Relativierung des Historischen selbst: es gibt nicht eine an sich existierende und in ihrem An-sich erkennbare Vergangenheit, es gibt nur mit dem jeweiligen Gegenwartsstandpunkt des Beschauers notwendig wechselnde „perspektivische" Bilder des Vergangenen. An sich ist die geschichtliche Wirklichkeit, diese vielmehr vom Standpunkt des Betrachters abhängige perspektivische Erscheinung, so wenig wie die „Natur" der Naturwissenschaften, d. h. das quantifizierende Schema, das der Mathematiker über die Dinge breitet, um sie praktisch beherrschbar zu machen, an sich ist nur das Absolute, das der Metaphysiker erfaßt. Die Metaphysik aber, deren Umrisse hier am Horizont auftauchen. 127

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