Mannheim
Compact Memory

Der Morgen · 1925-04-01 · Heft 1 (April 1925) · p. 118

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
1 (1925-1926)
Issue
Heft 1 (April 1925)
Article
Jüdische Höhlenbewohner in Tripoli
Date
1925-04-01
Page
118 (sequence 9)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
97% known words query
IRI
…/2895450-2895451-2895453-2895745--00137-2895884
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

E- Brandenburg Um der Wahrheit die Ehre zu geben, ist in den verschiedenen Orten, die ich besuchte, die allgemeine Sauberkeit, außer bei den Wohlhabenderen, überhaupt nicht allzu groß, wie meistens bei der Bevölkerung von N.-Afrika. Aber man muß bedenken, daß selten Menschen in so direktem Kontakt mit der Erde stehen, wie diese Höhlenbewohner; dann wirkt mildernd, daß dieser Schmutz ein „natürlicherer" ist als der der Armen in den Städten. Sie sind eigentlich weniger schmutzig, als vielmehr „lehmig", mit Lehm beschmiert, was weit weniger abstoßend wirkt als der aus Ruß, schlechter Luft und Mangel an Körperpflege zusammengesetzte Schmutz der ärmeren Städter. Denn die Luft ist auf dem Djebel-Garian vorzüglich, und so gedeihen die Leute dort auch im allgemeinen gut. Besonders in den jüdischen Orten fielen mir verhältnismäßig viele Männer auf, die an Körperwuchs das Mittelmaß erheblich überschritten. Gestalten von 1,80 m und darüber sind durchaus keine Seltenheiten, ebenso wie der sonst bei Juden nicht zu häufig vorkommende blonde Typ. Die Entstehung dieses blonden Typs hängt vielleicht mit der Tatsache zusammen, daß die Bewohner dieser Ortschaften Nachkommen von Juden sind, die aus den verschiedenen Teilen der Mittelmeerländer eingewandert sind. Die Türken sind, obgleich oft ungerechterweise als fanatisch verschrien, wenn man ihrer Religion selbst nicht zu nahe tritt, sehr tolerant Man hat deshalb schon in früheren Zeiten gewissen Juden, die aus Algerien, Tunesien, Spanien auswandern wollten, resp. mußten, kein Hindernis in den Weg gelegt, sich in Tripolitanien niederzulassen; man wies ihnen damals unbebaute Striche und Ländereien auf dem Hochplateau des Garian an. Durch jene, einen zuerst geradezu phantastisch anmutende „drahtlose Telegraphie", die es im Orient noch heute gibt, und die jeder versteht, der den Orient wirklich kennt, durch dieses unglaublich schnell funktionierende Benachrichtigungssystem erfuhren dann die Juden in Gegenden, in denen sie sich nicht wohl fühlten oder irgend welcher Verfolgung ausgesetzt waren, daß sie im Hinterland von Tripoli eine Freistatt finden könnten. So hat mir der Rabbiner von Tegrina selbst gesagt, daß in der dortigen Synagoge eine Art Chronik aus dem Anfang des 17. Jahrhunderts aufbewahrt sei, in welcher man den Zuzug fremder Familien, ihre Namen, Herkunft usw. aufgezeichnet haba Sie seien aus fast allen um das Mittelmeer gelegenen Ländern gekommen. Von gewissen sehr angesehenen jüdischen Kaufleuten in Tripoli, die selbst aus dem Garian stammen, wurde mir das bestätigt, und auch daß bei ihnen noch andere Aufzeichnungen vorhanden sind, woraus sich ergibt, daß diese Kolonien im Gebirge tatsächlich seit fast 3oo Jahren bestehen. Ich selber habe diese An- 118

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.