Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 1 (1925-1926)
- Issue
- Heft 1 (April 1925)
- Article
- Jüdische Höhlenbewohner in Tripoli
- Date
- 1925-04-01
- Page
- 115 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Jüdische Höhlenbewohner Die Wohnräume sind, orientalischer Gewohnheit gemäß, und den geringen Bedürfnissen entsprechend, höchst einfach eingerichtet Auf dem Fußboden liegen Matten, aus Haifagras geflochten. Das einzige Möbel (in diesem Fall eigentlich ein „Immöber') ist im Hintergrund vieler Wohnzimmer eine Art Estrade, meist die Breite des Zimmers ausfüllend, ca. i,5o—2 m tief und 5o—60 cm hoch, der „Divan". Man hat ihn einfach beim Ausschachten stehen lassen, er ist mit den gleichen Matten wie der Fußboden und außerdem noch oft mit schön gewebten Wollstoffen bedeckt Die Wände und Decken sind weiß getüncht, oft mit Verzierungen in flachem Relief geschmückt, einfachen ornamentalen Mustern, Bei den Mohamedanern kommt häufig Stern und Halbmond vor, bei den Juden der Stern, sowie scheinbare Bögen usw., denn vielfach sind die Decken nicht glatt, sondern leicht gewölbt, in der Form eines sehr flachen Tonnengewölbes. Im allgemeinen machen die Räume einen sauberen und trotz ihrer Einfachheil behaglichen Eindruck; man hat durchaus die Empfindung, in einem gewöhnlichen Haus zu sein, wie es in Nord-Afrika gebaut wird, und durch die Tür auf den Patio (= Hof) hinauszusehen, keineswegs aber das drückende Gefühl, sich unter der Erde zu befinden. Das helle Licht des Orients trägt wohl auch viel dazu bei. — Nun wird der Leser, wohl mit Recht, noch eine Frage haben: das Wohnen unter der Erde mag ja recht gut und praktisch sein, aber wenn die Wohnräume nur in den Lehm gegraben, und die Decken nicht gestützt werden, kommt es da nicht vor, daß ein solches Zimmer zusammenstürzt, und die Leute darin verschüttet werden? Lehm mag noch so zäh sein, er ist doch kein Stein 1 — Hierzu kann ich nur antworten, daß mir damals die gleichen Bedenken gekommen sind und ich mich daher möglichst genau über diesen Punkt informiert habe und folgendes erfuhr: Ganz abgesehen davon, daß der Lehm wirklich sehr fest ist und einen sehr großen „Einsturzwinker' hat, wie man das wohl in der Bergmannssprache nennt, werden die Bewohner dieser Lehmkammern rechtzeitig durch eine natürliche Erscheinung gewarnt, so daß es ihre eigne Schuld wäre, wenn ihnen etwas zustieße. Natürlich trocknet der Lehm mit der Zeit durch den Zutritt der Luft aus und verliert so seine Consistenz; dann aber fällt nicht gleich die ganze Decke ein, sondern es lösen sich die eingetrockneten Teile in flachen Stücken ab, die ca. 1 qm groß und 5—10 cm dick sind. Geschieht das, beginnt die Decke abzubröckeln, so ist es ein sicheres Zeichen, daß die Bewohner schleunigst in einen anderen Raum flüchten müssen. Eventuell graben sie an einer anderen, noch intakten Stelle einen neuen Raum aus. 8*