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Der Morgen · 1925-04-01 · Heft 1 (April 1925) · p. 108

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
1 (1925-1926)
Issue
Heft 1 (April 1925)
Article
Der Künstler in dieser Zeit
Date
1925-04-01
Page
108 (sequence 8)
Language
German
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S. Kracauer zerfallene Welt des Scheins, die der Film repräsentiert Sie wahren ihr Künstlertum insofern, als sie Seele verschmähen, die uns nicht eigne, und aus den Häusern, die nur Kulissen sind, auf die „Straße" gehen, in die hinaus die schnöde Realität sie zu verweisen scheint Max Beckmann hat diese Konsequenz gezogen, die für den ideologisch überbauten Verismus des Georg Grosz keine mehr ist, Georg Kaiser wird in seinem „Nebeneinander" unwahr nur, wo er Seele einzusetzen wähnt, während er für die unbekannte lediglich den Namen gibt, Strawinsky exzelliert in Maschinenmusik, und die Konstruktivisten des Weimarer Bauhauses gehorchen dem Pflichtgebot des technischen Imperativs. Sie alle liefern sich mit mehr oder weniger Vorbehalten dem Negativen aus, das ihnen gegeben ist, und erheben wie Archipenko die Matrize der Wirklichkeil zur Gestalt, da die Gestalt der Wirklichkeit in der Realität sich nicht finden läßt Ein Bekenntnis zur finsteren Unordnung der technischen und wirtschaftlichen Systeme, eine ästhetische Bejahung der realen Prozesse, die zwangsläufig sich entwickeln. Leistet der Künstler auf Mitteilung aber Verzicht, so entzieht sich das Ganze der Wirklichkeit seinem Ermessen. Er bewährt sich künstlerisch an dem was ist, ohne sich zu pressen, was sein könnte, um das Seiende voller dann zu gestalten. Eben seine — künstlerisch legitime — Beschränkung auf das Vorhandene hindert ihn an der Erfassung der mangelnden Seele, die großes Künstlertum gewiß zu durchgreifen hätte; und verfährt er ästhetisch auch richtig, so müßte er doch das Ästhetische vielleicht unrichtig durchbrechen, wenn er um Wirklichkeit verzehrend sich mühte. Er vermag das Uneigentliche zu bilden, weil das Eigentliche ihn nicht versucht; aber gerade dies: daß er keinen Raub an dem nicht besessenen Gut begeht, macht die Fragwürdigkeit seiner Gebilde aus. Sie geben im besten Falle das Nichtgegebene des Wesens, das Nichts als Privation; die Mitte selber in ihrer Wirklichkeit bleibt ihnen fern. Die sie dennoch fassen möchten, die das erfüllte, zu dem Göttlichen hingespannte Leben in den ästhetischen Bereich hineinzwingen wollen, stoßen auf kaum zu übersteigende Schranken. Jene Seele, der sie sich zuwenden, ist bei ihnen selber zwar, als objektive Bestimmung jedoch scheint sie verloren, ja, nicht zu hoffen vorerst Wird sie geformt, so ist es darum das Subjektive, Einzelne, das Gestaltung findet, ein Gebilde von individueller Struktur, das in dem entleerten Außen sich isoliert und mit der Ironie der Hilflosigkeit sich preisgibt wie ein Galgenlied Morgensterns und der „Pierrot lunaire", oder Klage über seine Einsamkeit führt und die ferne Seele sucht, dem „Lied von der Erde" gleich. Das Mitzuteilende wird in diesen ver- 108

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