Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 1 (1925-1926)
- Issue
- Heft 1 (April 1925)
- Article
- Der Künstler in dieser Zeit
- Date
- 1925-04-01
- Page
- 109 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Der Künstler in dieser Zeit waisten Schöpfungen vorausgesetzt, es ist in ihnen einbegriffen, als sei es vorhanden, und zugleich von dem Wissen durchdrungen, daß es hier nur vorhanden ist Solche Aussage des Nichtgegebenen schafft dem Künstler die schwierige Situation. Er kann als Künstler seine Vereinzelung nicht löschen, und so verbieten sich ihm alle objektiven Formen und Gehalte, die auf gemeinsamen Glauben sich gründen — es sei denn, daß er gebrochen sie umspiele. Symbolisch die Tatsache, daß Schönberg die Komposition seines Oratoriums zu vollenden noch immer unterließ. Die eigene Seele, die im Negativen sich bewegt, mag ihre Mitte ästhetisch entfalten und die Abwesenheit des Du in der Scheinwelt melancholisch bekunden; das Objektive als seiend beschlagnahmen kann sie nicht. Und zu dieser Schwierigkeit des Sichausdrückens tritt der Gewissenskonflikt, in den unweigerlich der Künstler gerät, der die Mitte erfragt Daß er als Isolierter in das Werk spricht, wo Gemeinsamkeit zu erwirken wäre, ist seine besondere Not Er muß den Zwiespalt zwischen dem Religiösen und dem Ästhetischen erfahren, der immer aufbricht, wenn die Leere sich mächtig zeigt und die Einbeziehung der Menschen in die Wirklichkeit zum Primat des Handelns wird — jenen Zwiespalt, der in Piatos „Staat" eine Lösung fand, die wie jede Lösung hier vergewaltigte, und nicht nur Tolstoi die Absage an sein Künstlertum auferlegte. 109