Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 1 (1925-1926)
- Issue
- Heft 1 (April 1925)
- Article
- Der Künstler in dieser Zeit
- Date
- 1925-04-01
- Page
- 107 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Der Künstler in dieser Zeit Anfang, sondern muß, um überhaupt beginnen zu können, hinter den Anfang zurückgehen, muß das Material selber zubereiten, das er verwenden wilL Er ist überbelastet. Er soll die Bedeutungen künden und zugleich das Gebilde mit ihnen durchdringen, soll die Menschen der Verbundenheit zuführen, und zugleich die Gehalte des verbundenen Lebens ästhetisch bewältigen, soll Formen zeugen und zugleich sie voraussetzen, soll Glauben geben und auf Geglaubtes beziehen. Die Welt, deren er bedürfte, ist von ihm allererst hervorzubringen, er hat ihr Wirklichkeit und Seele einzuhauchen, sonst kann er schwer nur die Mitte durchmessen. Real Mitteilender und ästhetisch Schaffender in einer Person zu sein: das ist die Aufgabe, die das Heute dem Künstler stellt — eine Doppelaufgabe, kaum zu erfüllen, da ihre Forderungen nicht ineinandergreifen. Beschränkt er sich darauf, Künstler zu sein, er kann als Künstler nicht zum Ende gelangen; und will er das andere mit einbeziehen, das ihm die volle Auswirkung im Ästhetischen erst ermöglicht — Anrede der Welt und Gründung der Seele — so gefährdet er den Künstler in sich, der sich auf das beruft, was er herbeizurufen ihm trachtet Um von dem späten George abzusehen, der durchaus für sich steht, haben manche der jungen Dichter und Maler, die man als „Expressionisten" zu etikettieren pflegt, den Ausweg nach oben, ins Prophetische, gesucht; mit exemplarischem Ungestüm Fritz v. Unruh, dessen Wille zu realer Wandlung das Gebilde zersprengt Diese Künstler gehorchen der Notwendigkeit, Mitte zu schaffen, da Mitte ihnen nicht vorgegeben ist; so mahnen und predigen sie, daß das Wesen erwachse und Bedeutung eintrete in die Zeit Indessen, begründet solche Mitteilung auch Wirklichkeit und damit Fülle der Kunst, so wird ihr Sinn doch verfälscht, wenn sie als Kunst selber im ästhetischen Medium sich äußert Mag heute Vollendung der Kunst an den Nachhall des aufschließenden Wortes gebunden sein, der Künstler ist seiner nicht mächtig, er überschreitet seine Grenze, sobald er im Werk dessen Voraussetzung gibt Denn die Mitteilung, die der Wandlung des Realen gilt, geht der ästhetischen Verknüpfung voran; hineingezogen in die spiegelnde Schöpfung, trifft sie nicht auf. Daher die ästhetische und ethische Unreinheit jener Werke, die nicht nur als Abbild, sondern als Lehre auch zu gelten beanspruchen; das Gelehrte wird durch die Ästhetisierung um den letzten Ernst gebracht, und das Gebildete verfehlt die konkreten individuellen Gestaltungen des Zwischenreichs, das die Lehre zu eröffnen sucht Überfliegen diese Künstler die Mitte, wie Franz v. Baader sagen würde, so entsinken andere, aus dem Zwang der gleichen Situation heraus, in die 107