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Der Morgen · 1925-04-01 · Heft 1 (April 1925) · p. 106

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Journal
Der Morgen
Volume
1 (1925-1926)
Issue
Heft 1 (April 1925)
Article
Der Künstler in dieser Zeit
Date
1925-04-01
Page
106 (sequence 6)
Language
German
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S. Kracauer dem romantischen Versuch, die Realitäten der Technik und Wirtschaft zu vertuschen und den Prozeß der Zivilisation durch Mittel, die seiner Größe nicht gewachsen sind, an der Entfaltung zu hindern. Alles ist ihnen vielmehr daran gelegen, daß die Welt ihre Scheinhaftigkeit vollends enthülle, daß die Nichtigkeit herrsche, soweit sie vermag. Sie sind Nihilisten um des möglichen Positiven willen, und treiben dem Ende der Verzweiflung zu, damit nicht ein Ja auf halbem Wege ohnmächtig hemme. Dieses Verlangen nach der Offenbarung des Negativen hält sie davor zurück, das andere ebenbürtig einzusetzen, das, vorzeitig vielleicht, verschleiern und glätten könnte. Die Exzesse der Technik dünken ihnen realer als seelische Rudimente, die keine Grenze mehr sind, und Gefährdung scheint ihnen der Anspruch einer Wirklichkeit, die der Realität des Unwirklichen gegenüber versagt Darum überspitzen sie die Negation, dehnen die Leere und weisen Seele ab, die Schminke nur ist Sie glauben, daß Amerika erst verschwinde, wenn es ganz sich entdeckt, und meinen die Nacktheit der Straße auch dort noch zu sehen, wo Zierat und Erker idyllisch verkleiden. Das plane Äußere, das ist —: es soll ihnen sein: denn wird die Oberfläche nicht einbezogen, das Dunkelste nicht erhellt, so ist ein jedes Wort vergeblich gesprochen und die Glücklichen allein täuschen Rettung sich vor. Die nach Wirklichkeit Verlangenden gerade mögen, wie gesagt, die verschlossene Unwirklichkeit der Zeit so ausschließlich erfahren. Gilt ihnen aber der Zug zum Nichts als bestimmende Realität, dann ist ein Gebot ihnen vor allen anderen gegeben: die Herstellung der Verknüpfung mit dem Oberen, die in die Wirklichkeit reißt Sie müssen den Anruf erharren, der auf das Göttliche verweist, sie bangen der Eröffnung entgegen, der jene Figuren der Straße hinleitet zum richtigen Weg. Kunde des Oberen ist gefordert, wo die Großstadtstraße ins Unermeßliche wächst — sonst klafft zwischen Filmbild und Prophetenrede eine einzige Lücke, und die Mitte bleibt unbebaut, leer das Zwischenreich, das beseelte Welt und welthafte Seele miteinander erfüllen. Erst wenn die Mitteilung von wirklichen Dingen zur Anteilnahme an ihnen erweckt, vergeht die scheinhafte Realität, und kein Träumer ist mehr, wer voller Sehnsucht das Getriebe durchwandelt. * Eine Situation, die in solcher Verfassung sich darbietet, muß den Künsten freilich Schwierigkeiten bereiten. Denn streckt das reale Leben dem Künstler keinen Kredit an Bedeutungen und Gehalten vor, so hat er nicht Grund noch 106

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