Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 1 (1925-1926)
- Issue
- Heft 1 (April 1925)
- Article
- Der Künstler in dieser Zeit
- Date
- 1925-04-01
- Page
- 105 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Der Künstler in dieser Zeil Nebeneinander der gelenkten Kraftfahrzeuge und der umgelenkten Triebe, ein Gewimmel auf dem Asphalt und in den Nachtlokalen, das sich in bloß vitalen Bekundungen erschöpft, sofern es nicht die von der abgelösten ratio gesetzten Zwecke zur Richtschnur nimmt Wer wach und sehnsüchtig in diese verlorene Realität sich verirrt, scheint ein Träumer zu sein; denn Wirklichkeit wird zum Traum, wenn Leere sich als wirklich gebärdet. Papierfetzen höhnen dem Nachtwandler nach, der einen Sinn vergeblich zu greifen sucht Doch ist das Wirkliche auch vergessen, so ist es darum nicht getilgt, und in dem Grauen über das Vakuum, das zwischen den Sekunden sich dehnt, gibt das negierte Göttliche sich mittelbar kund. Ist dies die Gegenwart? Gewiß ist sie so nicht allein. Ansätze zu anderem sind in ihr, Gemeinsamkeit wird erstrebt, Gehalte schälen sich halb heraus, und inmitten zertrümmerter Formen und Begriffe findet sich manches Bewahrte noch. Dem aber bleiben ihre Züge verschlossen, der objektiv zu erkennen wähnt, wie sie an sich beschaffen ist: ob das Negative überwiege, ob das Positive durchzudringen vermöge. Sie ist alles oder nichts, wenn man fragt, was sie „ist", sie hat kein Sein, wenn man ihr Sein fraglos zu bestimmen trachtet Abschluß kann sie dann sein oder Beginn, und die Vorgänge, die sie bezeichnen, verlieren sich proteushaft ins Unergründliche, nicht zu Enträtselnde. Da dem Objektiv-Neugierigen das Antlitz fehlt — wie sollte das Antlitz der Zeit ihm Widerscheinen? Rechtes Verhalten nur, ein Ausgerichtetsein auf das Göttliche, gestattet das Begreifen der Dinge, und so der Gegenwart — ein Begreifen freilich, das sich nicht voraussetzungslos gibt, sondern eingedenk seiner Bedingtheit ist Solches Wissen geht aus der Verknüpftheit mit dem Oberen hervor und führt in sie zurück, es ist ein Wissen, dessen Aussagen zugleich Forderungen sind. Nicht was an sich ist, meint der in der Spannung Stehende ermitteln zu können, wohl aber spricht das Seiende ihn so konkret an, wie er ihm zuspricht, er hat einen Angriffspunkt, weil er anzugreifen befugt ist, und erhält eine Antwort, weil seine Fragen ihm gewiesen sind. Das Bild der Gegenwart, das jener Film entrollt, mag einen Gesinnungsgrund haben, der ihm zur Rechtfertigung wird. Gerade die Menschen vielleicht, denen es Ernst ist um Wirklichkeit, spüren doppelt tief die Gewalt der Mächte, die heute die Welt zur Großstadtstraße entformen. Und da sie nicht minder zu wissen glauben, daß erst die Mitnahme und Verwandlung des unwirklichen Lebens zur Wirklichkeit führt und zerfallene Gehalte sich nicht zusammenstücken oder lügnerisch behaupten lassen, verweigern sie sich strikte 105