Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 1 (1925-1926)
- Issue
- Heft 1 (April 1925)
- Article
- Der Künstler in dieser Zeit
- Date
- 1925-04-01
- Page
- 104 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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S. Kracauer Der Bestand großer künstlerischer Formen, wie der Tragödie etwa, zeugt davon, daß das Obere sich im sinnlichen Element befestigt hat. Die Gehalte, die aus der realen Verknüpfung mit dem Göttlichen erwachsen, werden durch die Form dem Künstler bis ins ästhetische Medium hinein vorgegeben, so daß er, ohne für die Verknüpfung selbst beansprucht zu sein, das Besondere unmittelbar den vertrauten Bedeutungen zuordnen kann. Die Gültigkeit der ästhetischen Formen freilich hängt daran, daß das besteht, was sie gründet; sie sind verbürgt nur, wenn der Glaube das von ihnen Verleibte mitnimmt und trägt Mit dem Ausbruch des Menschen aus der Wirklichkeit welken sie selber dahin. In einer Welt, in der das Zwielicht der Beziehung herrscht, ist die ästhetische Sphäre nicht nur freigegeben, sondern durch ihre Erfüllung erst wirkt das Menschliche ganz sich aus. Dem Künstler wird in ihr der Auftrag zuteil, die immer wieder versinkende Fülle mit emporzureißen, die sich verlierenden Gelegenheiten einzusammeln aus ihren Zufallsasylen. Diese ästhetische Verknüpfung geht aus der realen hervor und mit ihr zusammen, sie unterstützt die Einbeziehung in die Verbundenheit und errettet im Abbild die Welt Wendet die Seele dem Unbedingten sich zu, erfährt sie das ihr zubestimmte Geschick und bangt sie um die Erlösung, so mag der Künstler sie durch alle irdischen Gestaltungen hindurchgeleiten, damit sie Tragik und Hoffnung allerorten wiederfinde, damit sie weiter wandle in dem unermeßlichen Reich des Irdischen und nirgends auf ein Undurchdringliches stoße. * Das jetzt in manchen deutschen Städten vorgeführte Filmwerk „Die Straße" zeigt eine Welt, in der das Werk der Verknüpfung ungetan bleibt Diese Menschen der Großstadtstraße haben keinen Bezug auf das Obere, sie sind nur noch ein solches Außen, wie die Straße selber es ist, auf der sich vieles begibt, ohne daß etwas geschieht Das Getriebe der Figuren gleicht dem Wirbel der Atome, sie begegnen sich nicht, sondern prallen zusammen, sie treiben auseinander und trennen sich nicht Statt daß sie mit den Dingen verbunden leben, sinken sie zu den totbewegten Gegenständen herab: zu den Autos, den Mauerfluchten, der Lichtreklame, die, unbekümmert um die Zeit, in der Zeit sich erhellt und verdunkelt; statt daß sie den Raum erfüllen, ziehen sie ihre Bahn in der Öde, statt daß sie durch Rede sich verständigen, lassen sie ungesagt, was einigen oder entzweien könnte. Liebe ist Paarung, Mord ein Zufall, und Tragik ereignet sich nicht Ein stummes, seelenloses 104