Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 1 (1925-1926)
- Issue
- Heft 1 (April 1925)
- Article
- Der Künstler in dieser Zeit
- Date
- 1925-04-01
- Page
- 103 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2895450-2895451-2895453-2895744--00121-2895869- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Der Künstler in dieser Zeit zum sinnhellen Gehalt Die Form, die er dem Besonderen gibt, erteilt dem Geformten die Gnade des Selbstzeugnisses, sie ist nichts anderes als die Hinordnung der unendlichen Befunde auf das ihnen in Wirklichkeit Gemeinte. Eine Hinordnung im Abbild, nicht in der Realität; im Abbild aber die Durchdringung des Gegebenen mit einem Geiste, der es aufrafft aus der Zerstreuung und der Bedeutungslosigkeit entrückt Das Kunstwerk hält der Welt einen Spiegel vor, der sie nicht nur spiegelt, sondern sehend macht Damit der Künstler aber als Künstler beginnen und rechtmäßig walten könne, muß die Bedeutung, auf die er den Stoff bezieht, von den Menschen vernommen sein. Nicht sagt er aus, was zu glauben sei und wie man ein richtiges Leben zu führen habe; doch er enthüllt die Welt im Hinblick auf das Geglaubte und stellt ein jedes Leben in seine Richtigkeit ein. Das unterscheidet ihn von den großen Lehrern der Menschheit, die ein oberes Geheiß den Menschen zutragen, sondert ihn von denen, die das Geheißene sind und wirken. Statt mitzuteilen und darzuleben gleich ihnen, setzt er das durch sie real Bezeugte voraus und läßt davon das Irdische im Kunstwerk getroffen sein. Sein Werk ist die immer neue Schau der stets sich erneuernden Welt; indessen, er kann sie nur erblicken, wenn sie sich blicken läßt, wenn der Sinn ergriffen ist, in dessen Wirklichkeit sie treten mag. Dann — und dann allein — wird ihm gewährt, die Dinge beziehbar zu machen und durch ihre Gestaltung ihnen zur letzten Transparenz zu verhelfen; den Sinn ästhetisch zu übermitteln, ist seines Amtes nicht Er errichtet die Tempel — die Fundamente des Glaubens müssen ihm vorgerichtet sein. Nur in einem Weltzustand also, in dem die Verknüpfung geschieht, in dem die Menschen die Bestimmungen anerkennen, die ihnen von oben her zukommen, ist der Kunst die Erfüllung gegönnt Erfragt die Gesamtheit das Göttliche, so ereignet sich der Eingang des Oben in das Unten, des Sinnes in den Stoff, und das Übergestalthafte neigt sich hin zur Gestalt, die es scheu und vermessen bewahrt Die Bedeutungen aber, die aus der Wirklichkeit aufsteigen, haften im Grunde des gemeinsamen Ringens um das Letzte, solche Gemeinsamkeit erst ermöglicht das Vortreiben des Letzten in die Welt Wo sie besteht, ist eine Ordnung der Dinge und ein die Wirklichkeit durchgreifendes Leben vorgegeben, das dem künstlerischen Gebilde Anfang und Ende weist, eine Realität drängt an, die sich in ihrer Ganzheit meint und darum die Schöpfung des ästhetischen Ganzen erlaubt. Da in diesem Weltzustand der Mensch die Tragik seiner Position wirklich weiß und erleidet, wird das Tragische dem Künstler zum Vor-Wurf; und so darf er den Widerschein der Versöhnung einbannen, der die Menschen in ihrer Existenz zugekehrt sind. 103