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Der Morgen · 1925-04-01 · Heft 1 (April 1925) · p. 102

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
1 (1925-1926)
Issue
Heft 1 (April 1925)
Article
Der Künstler in dieser Zeit
Date
1925-04-01
Page
102 (sequence 2)
Language
German
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S. Kracauer Die Menschen erfüllen die Wirklichkeit nur, wenn sie aus ihrer Bedingtheit sich hinspannen zu dem Unbedingten, wenn sie zu dem Göttlichen sich verhalten, aus dem und durch das sie sind. Verschließen sie sich ihm, in dem sie Halt finden, unternehmen sie nicht, soweit es an ihnen liegt, das Werk der Verknüpfung — ihr Leben enträt der Bestimmung, ihr Sein zergeht in der Zeit, die teilnahmslos fließt Dem Denken nicht zu erschließen ist, wie die Beziehung geartet sein müsse, die ihnen Wirklichkeit schenkt; daß sie gelebt und erfahren sei, ist stets und überall gefordert Denn einzig dadurch, daß die Menschen von einem oberen Geheiß ergriffen sind und es ergreifen, gewinnt ihr Trachten seinen Sinn, erlangen Wort und Tat zeitüberlegene Bestätigung. Die unverbunden leben, sinken in die Grundlosigkeit zurück. Der Weltzustand ist ein anderer je nach dem Grade, in dem die Verknüpfung geschieht Trifft das immerwährende Gebot ihres Vollzugs auf wechselnde Situationen auf, so mag seine Erfüllung verschiedene Anstalten erheischen. Eine menschliche Gesamtheit, die ausgerichtet auf das Obere lebt, wird in der Verbundenheit sich zu bewähren haben; die Verbundenheit ist dort allererst herzustellen, wo seelenlose Figuren ihre verblendeten Spiele treiben. Ist auch die Möglichkeit des Künstlers an keinen Ort und keine Zeit gebunden, seine Möglichkeiten als Künstler hängen doch von dem Zustand der Welt ab, die ihn umfängt Er ist Künstler kraft seiner Teilhabe an der Wirklichkeit; um so dringlicher ergeht an ihn jene eine gleiche Forderung, der vorab zu genügen ist: das Menschliche und die Welt einzutun in die Verbundenheit Da aber mit dem Wandel der Situation sich auch die Ansprüche wandeln, die aus dieser Forderung erwachsen, so hat das von ihm zu Erwirkende unweigerlich einen Bezug auf die Welt, der er zugehört Sie kann von solcher Beschaffenheit sein, daß ihre reale Verknüpfung mit dem Göttlichen zugleich die Vollendung der Kunst ermöglicht oder befiehlt Doch nicht immer hat die Divina commedia ihr Recht, die vom Himmel bis zur Hölle alle Reiche der Wirklichkeit einbegreift, und eine Gegenwart ist denkbar, die um der Verknüpfung willen der Kunst das Letzte auszudrücken versagt Dem Künstler liegt ob, Stück für Stück der Schöpfung, Menschliches und Welthaftes, im Lichte einer äußersten Bedeutung zu zeigen. Diesem Äußersten und Höchsten zu wendet er sich durch den Stoff hindurch, und indem er die Fabel zum ästhetischen Gebilde gestaltet, wandelt er die undurchscheinende 102

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