Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 1 (1925-1926)
- Issue
- Heft 1 (April 1925)
- Article
- Der Künstler in dieser Zeit
- Date
- 1925-04-01
- Page
- 101 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Der Künstler in dieser Zeit. Von S. Kracauer. Auf nahezu allen Kunstgebieten gilt gegenwärtig ein Gleiches: daß die Künstler das Eigentliche, -das, um dessentwillen die Sprache ihnen zusteht, nicht durchaus zu fassen vermögen. Entweder sie stoßen, die Grenze der Kunst durchbrechend, nach oben vor, und maßen sich die religiösen Befugnisse an, die ihrer Ohnmacht im ästhetischen Medium nicht beschieden sind. Oder sie treiben, die Forderung der Kunst halb nur beachtend, nach unten ab und erschöpfen sich in der Darbietung der entleerten Welt, des scheinhaften äußeren Lebens, das nicht Gesicht kennt noch Gestalt — Jazzband bringt dieses Getriebe in Umlauf, der Film spiegelt seine Gehaltlosigkeit wider. Das Zwischenreich aber, in dem es Seele, Tragik und den Abglanz der Versöhnung gibt, das von den wirklichen Menschen durchwohnte Reich, das der Kunst zubestimmt ist: für die Kunst scheint es kaum noch vorhanden. Epigonen suchen das entwichene in abgegriffene Formen zu bannen; ihre Worte sind unglaubwürdig, denn sie täuschen Anteil an einem Leben vor, das ihnen nicht zugeteilt ist Und die Berufenen, die von sich aus wohl die Gewalt besäßen, jenem Dazwischen zu dienen — sie müssen erkennen, daß die Wirklichkeit vor ihnen zurückweicht, wenn sie als Künstler ihr nahen, daß sie in einer Vereinzelung stehen, die ihnen die ästhetische Durchdringung des gesamtmenschlichen Daseins mehr als billig erschwert. Die Schwierigkeit ist zu allgemein, sie ist zu fühlbar zwischen den Menschen, als daß sie ihren Grund in einem Ungefähr haben kann, wie es der Maogel an Schaffenden wäre. Umgekehrt eher mögen die Schaffenden heute gebunden harren, weil ein durch sie unabwendbares Geschick die Kunst als solche bedrängt. Was verwehrt ihr das Sagbare, trennt den Künstler ab von seinem Gebilde? Nicht der Kunst allein gilt die Frage. * 101